Der entscheidende Buchstabe

Man hört ja oft von Menschen, die nicht im Ruhe- sondern eher im Unruhestand sind und sich dann als „rüstigen Rentner“ bezeichnen. Ich glaube, wir alle kennen Menschen, die nun soviel um die Ohren haben, dass wir uns immer fragen, wie sie denn vorher jemals Zeit für einen Job gehabt haben.

Und dann gibt es manchmal auch den „rostigen Rentner“, der sich nicht entscheiden kann, an welche Kappe er sich im Supermarkt anstellen möchte und daher erstmal beide Schlangen aufhält. Nach dem Bezahlen wurde der Einkaufswagen dann zu einem Auto geschoben, das man durchaus als recht sportlich bezeichnen könnte.

Ich hoffe für den Menschen, dass er morgen wieder so flott unterwegs sein möge, wie es auch das Auto sein kann, denn wer will schon rostiger Rentner sein, wenn man auch rüstiger Rentner sein kann …

70 Jahre nach dem Krieg: Die Legende des Siegs von Pearl Harbor

Es ist gut 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg endete, im Entwurfsordner dieses Blogs, warteten noch ein paar Anmerkungen zu Details, ich kippe sie jetzt einfach mal in den Ordner mit Veröffentlichungen.

Der Angriff auf Pearl Harbor gilt gemeinhin überragender Erfolg. Die japanischen Streitkräfte haben in Pearl Harbor der US Navy einen gewaltigen Schlag versetzt. Kann man aber auch ganz anders sehen: Die Japaner haben es vermasselt. Wieso sollte man zu so einer Einschätzung kommen, wurden doch immerhin 12 Schiffe zerstört, 9 weitere Schiffe (zum Teil schwer) beschädigt, 164 Flugzeige zerstört, 159 weitere beschädigt. Dazu kommen 2.400 Tote und 1.200 Verletzte. (Diese Zahlen sind nicht absolut, je nach Betrachtung gibt es Schwankungen).

Sieht man sich aber an, was die Angreifer nicht zerstört hatten, sieht das Bild anders aus. Nicht zerstört wurden die Flugzeugträger. Kein einziger. Denn die waren woanders im Einsatz. Das hatte die japanische Aufklärung nicht mitbekommen. Die versenkten großen Schlachtschiffe stammten teilweise noch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und waren technisch nicht mehr auf dem Stand der Zeit. Stand der Zeit waren Flugzeugträger. Schlachtschiffe, auch wenn sie gewaltige Kanonen haben, können einen Kampf nur auf eine (relativ) kurze Entfernung führen. Was nützt es, großkalibrige Geschosse 40 Kilometer weit auf den Feind abfeuern zu können, wenn man seine Entfernung nicht präzise genug messen kann, um nicht knapp vorbeizuschießen? Ein Flugzeugträger kann seine Flugzeuge den Feind nicht nur suchen lassen, sie können dann auch aus (relativ) kurzer Entfernung angreifen und sehr präzise treffen. Genau das machten die Japaner mit ihrem Angriff vor.

Nicht zerstört wurden die U-Boote, sie sollten im späteren Kriegsverlauf den japanischen Transport von Truppen und Material zwischen den vielen Inseln erheblich einschränken. Nicht zerstört wurden die Werften, mit ihrer Hilfe gelang es, viele der Schiffe zu heben, zu reparieren und wieder einsatzfähig zu machen. Nicht zerstört wurden die Treibstofflager. Sie zu löschen wäre extrem schwierig bis unmöglich gewesen und die unbeschädigten Teile US-Pazifik-Flotte wäre solange fast ohne Treibstoff und somit nicht einsatzfähig gewesen. All das haben die Angreifer nicht zerstört und damit den USA einen sehr baldigen Gegenschlag ermöglicht, bereits nur 6 Monate später führte die Schlacht um Midway zur Wende im Pazifikkrieg.

70 Jahre nach dem Krieg: Richtig tanken bringt Vorteile…

Es ist gut 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg endete, im Entwurfsordner dieses Blogs, warteten noch ein paar Anmerkungen zu Details, ich kippe sie jetzt einfach mal in den Ordner mit Veröffentlichungen.

Vor 75 Jahren, 1940, geriet der Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich in die heiße Phase. Zwar hatte Frankreich dem Deutschen Reich kurz nach dessen Überfall auf Polen den Krieg erklärt und damit seine Verpflichtungen gegenüber Polen erfüllt, aber der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich war ein sogenannter Sitzkrieg, beide Seiten saßen sich gegenüber und hüteten sich, die jeweils andere Seite anzugreifen. Erst am 10. Mai 1940 wurden die Deutschen Truppen aktiv und begannen den aktiven Krieg gegen Frankreich.

Was dann geschah, ging als „Blitzkrieg“ in die Geschichtsbücher ein. Gerne wird an dieser Stelle vergessen, dass Frankreich über mehr und teilweise auch technisch bessere Panzer verfügte als die angreifenden Deutschen. Wie kam es dann dazu, dass die Franzosen den Krieg so schnell verloren? Ein Detail war die Betankung der Panzer.

Panzer, egal welcher Nation, haben einen enormen Treibstoffverbrauch. Die allermeisten Panzer hatten damals Benzinmotoren und keine (etwas) sparsameren Dieselmotoren (das führten die Sowjets mit dem legendären T-34 ein). Die Faustregel „Ein Liter auf einen Kilometer“ war auch damals schon zutreffend, es konnte aber auch mal deutlich mehr Verbrauch sein. Panzer brauchen also eines ganz dringend: Treibstoff. Um diesen zum „Kunden“ zu bringen gibt es unterschiedliche Konzepte:

Die Franzosen hatten Tankwagen, mit mehreren langen Schläuchen und Zapfpistolen, wie man das aus der Tankstelle kennt. Panzer und Tankwagen treffen sich, und dann tankt ein Panzer nach dem anderen. Und wenn auch der letzte Panzer betankt ist, kann die Einheit weiterfahren. Stellen wir uns eine Panzerkompanie vor, drei Züge zu je vier Panzer, dazu einen Kompanieführungspanzer, dann kommt man auf 13 Fahrzeuge. Und wer mal den Stau an der heimischen Tankstelle, wenn es Treibstoff wieder günstig gibt, erlebt hat, kann sich vorstellen, wie lange man braucht. Besonders dann, wenn nicht mal eben 40 sondern 400 Liter getankt werden. Es konnten aber auch mal 800 Liter sein. Es dauerte also.

Die Deutschen gingen anders vor, bei ihnen gab es Benzin in Kanistern. Jene 20-Liter-Blechkanister, die wir heute noch kennen. Diese Kanister wurden auf der Ladefläche eines Lkw transportiert. War der Tankwagen vor den Panzern am vereinbarten Treffpunkt, so wurden ausreichend viele Kanister von der Ladefläche auf den Boden abgeladen, immer so viele Kanister, dass auch ein leerer Tank wieder gefüllt werden konnte. Pro Panzer gab es einen Stapel Kanister, dann ein paar Meter weiter den nächsten Stapel. Kamen dann die „durstigen“ Panzer an, mussten die Besatzungen nur noch den Inhalt der Kanister umfüllen. Entsprechende große Trichter, mit deren Hilfe man aus mehreren Kanistern gleichzeitig „tanken“ konnte, hatte jeder Panzer dabei. Genügend Besatzungsmitglieder, hatte ein Panzer auch, je nach Modell gab es vier oder fünf Mann Besatzung. Und ehe man sich versah, war der Panzer betankt, die leeren Kanister wurden vom Tankwagen wieder eingesammelt und an einem zentralen Tanklader wieder befüllt. Kanister, die nicht entleert wurden, kamen für den nächsten Einsatz gleich wieder auf den Tankwagen.

Kam der Tankwagen zu den warteten Panzern, fuhr er an der Kolonne vorbei, warf man der Besatzung die gewünschte Anzahl von Kanistern zu und es wurde getankt wie oben beschrieben.

So kam es, dass der „Tankstopp“ bei den deutschen Panzern sehr kurz war, während die französischen Panzer deutlich länger brauchten, um wieder einsatzbereit zu sein. Und dieser Zeitvorteil war einer von mehreren Faktoren, die über Sieg oder Niederlage entschieden.

So ähnlich ist das heute noch bei der Autorennen. Klappt der Tankstopp, spart man wertvolle Zeit. Gibt es Probleme, verliert man wertvolle Zeit und die anderen gewinnen das Rennen. Nur dass man heute nicht mehr auf einander schießen muss…

Was messen Performance-Indices?

Manchmal sind die Dinge kompliziert und um sie verstehen zu können, muss man sich genau damit befassen. Organisatorische Hilfen wie ITIL oder vergleichbare Dinge sollen helfen, komplizierte Dinge etwas einfacher zu machen, man bricht die Dinge in immer kleinere Stücke herunter, bis am Ende dann reines „Doing“ übrigbleibt, also einzelne „Tasks“, die (einfach) abzuarbeiten sind.

Nun kann man Systeme benutzen, die die Anzahl dieser Tasks zählen und auswerten, welcher Mensch wie viele Tasks schafft, wie lange ein Task auf Annahme warten muss, wie lange er bearbeitet wird, wie viele Tasks noch in der Warteschleife kreisen und auf ihre Bearbeitung warten. Man kann dann sehr schöne Auswertungen und Statistiken erzeugen und bekommt dann am Ende schöne bunte Grafiken, die sich hervorragend auf PowerPoint-Präsentationen machen.

Eine Redensart sagt:

Traue nur der Statistik, an deren Fälschung Du selbst (maßgeblich) beteiligt warst.

Oder ein wenig anders ausgedrückt:

Wenn Du nicht alles weißt, dann weißt Du im Grunde genommen überhaupt nichts und musst Dich auf alles (blind) verlassen…

Wenn man also nicht weiß, dass bestimmte Tasks auf eine Antwort des Benutzers warten und solange (künstlich) verzögert werden müssen, dann versteht man auch nicht, wie die Zahlen in den bunten Präsentationen Zustandekommen. Dann kann man sich über die hohe Anzahl von Tickets im System wundern oder bemängeln, dass es so viele offene Tickets gibt.

Besonders ärgerlich ist es, wenn die Menschen, die sich dann mit bunten Präsentationen berieseln — pardon — informieren lassen, durch Vorgaben dafür gesorgt haben, dass die Dinge so sind, wie sie sind, gleichzeitig dann kritisieren, dass die Zahlen so sind, wie sie sind. Wenn man aber nicht weiß, welche Größen überhaupt in die Auswertung einfließen und welche Größen nicht, dann weiß man überhaupt nichts.

Oder wie es ein Kollege formulierte:

Da kannste auch die Ausschläge beim E-Meter der Scientologen als Wissenschaft betrachten, es bleibt nur Aberglaube…

Recht hat er.

Oder aber, man bringt die Menschen dazu, die Vorgabe irgendwie zu erreichen und lädt ein — nein, eigentlich zwingt man — durch (mehr oder weniger kreative) Tricksereien die Zahlen auf dem Papier zu erreichen, auch wenn die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Vereinbarung mit Ohrwurm

Bekanntlich gibt es nicht nur den einen Weg, manchmal, eigentlich fast immer, gibt es mehrere Wege, die zum Ziel führen. Also bringt man alle Menschen, die es betrifft und die auch Ahnung haben (dieser Zusatz ist wichtig!) zusammen und geht die Alternativen durch. Und meistens bringt der gesunde Menschenverstand dann richtig viel und man findet die eine Lösung, die für alle Beteiligten dann die beste ist. So entstand neulich am Ende einer Besprechung folgender Dialog:

Kollege 1:

Das ist besser für Dich und für mich…

Woraufhin ein älterer Kollege einfiel:

… und für Düsseldorf am Rhein…

Zunächst sahen sich alle Beteiligten etwas verwundert an, dann fiel der sprichwörtliche Groschen und wer alt genug war, konnte sich an einen Schlager aus dem späten 1960 Jahren erinnern. (Hier nachlesen, hier anhören)

Und auf einmal hatten die älteren Mitarbeiter einen Ohrwurm 🙂

Mogelpackung?

Mogelpackung? Denn der Waschbrettbauch war nicht enthalten...

Mogelpackung? Denn der Waschbrettbauch war nicht enthalten…

Ein lieber Kollege, der beruflich viel in der Welt rumgekommen ist, wird umziehen. Nur innerhalb des Gebäudes, aber er wird umziehen. Und so ein Umzug ist die ideale Gelegenheit, die eigenen Sammlung an Mustern, Demo-Geräten und sonstigen Schätzen zu verkleinern. So hatte er grad einen groooooßen Haufen an „kann weg“ Sachen aufgetürmt, für die er einen Abnehmer suchte. Oder jemanden, dem er Dinge auf’s Auge drücken konnte.

So kam ich dann zu dieser Boxershorts aus Mexico (oder war es Brasilien?). Den Waschbrettbauch gab es leider nicht mal so eben, daran muss ich wohl selbst arbeiten. Trotzdem vielen Dank.

 

Mehr Power…

Nicht nur Ingenieure wissen es: Besser als Power ist mehr Power oder noch mehr Power. So ergab sich ein Small-Talk über sogenannte „Powerbanks“, also diese kleinen Akkus, an denen man sein Handy anschließen kann, um es wieder aufzuladen, wenn man kein Strom aus der Steckdose verfügbar ist.

Ein Kollege zeigte seine Powerbank vor, worauf die umstehenden Ingenieure sofort mit einer Fachsimpelei über die Kapazität in Milliamperestunden und die Anzahl der iPhone-Ladungen begonnen. Ich sah das pragmagischer, ich wollte nur wissen, wieviele Powerbanks ich brauche, um genug Strom für die Waschmaschine nach Hause zu tragen…

Ich war überrascht, wieviel Humor manch Ingenieur hat 🙂

Bernd???!!!???

Im Rentnerbad. Eine Frau, eher so unauffällige der Typ, schreit ruft laut durch den Umkleidebereich nach jemanden:

„Bernd! Beernd! BEEERND!!!
(Das bitte im lieblichen Ton einer Carmen Geiss vorstellen, die ihren „Robert“ ruft.)

Keine Reaktion. Sie ruft wieder. Lauter, penetranter. Damit geht sie offenbar nicht nur mir auf den Geist. Jemand beginnt sich einen Spaß mit ihr zu erlauben. Mit zugehaltener Nase ertönt aus eine Umkleidekabine eine Art Durchsage:

Herr Brotinger, bitte melden Sie sich bei der Information, Herr Brotinger bitte…

Einige Umstehenden erkannten die Anspielung und begannen zu kichern, was Dame mit der lieblichen Stimme nicht davon abhielt, weiter nach ihrem Bernd zu suchen. Nach ein paar Rufen suchte sie dann woanders und war außer Hörweite.

Aus einer anderen Kabine erklang eine andere Stimme:

Hat mich jemand gesucht? Mist!

Nun war alles zu spät und die Umstehenden hatten ihren Spaß.

Und ob „Carmen“ ihren Robert Bernd gefunden hat, werden wir wohl nie erfahren. Egal. Wir hatten Spaß.

… nach Maßgabe der Möglichkeiten …

Oh, was muss man von bösen Dingen hören und auch lesen…

Manche Menschen wollen das Grundrecht auf Asyl mit einem Zusatz versehen und es dann nach „Maßgabe der Möglichkeiten“ gelten lassen.

Tolle Idee, gaaaanz toll. Wer definiert denn, was die Möglichkeiten sind? Immerhin lebt ein (Grund-)Gesetz davon, dass es klar und (möglichst auch für den juristischen Laien) verständlich ist. Verklausulierungen aller Art sind da nicht hilfreich. Und was passierte, setzten wir solche Zusätze („Maßgabe der Möglichkeiten“) noch woanders ein?

Denke wir uns mal andere Grundrechte des Grundgesetzen durch diesen Zusatz ergänzt. Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit? Klar, aber nur nach „Maßgabe der Möglichkeiten“, tja, tut uns leid, wir hatten heute keine andere Möglichkeit, also heute leider kein Grundrecht auf Leben. Hoppla!

Stellen wir uns eine Straßenverkehrsordnung vor, bei der die Verkehrsteilnehmer die Regeln nur noch „Maßgabe der Möglichkeiten“ befolgen: Tempolimit einhalten? Hab ich grad keine Möglichkeit dazu, ich hab’s eilig. Blinken? Klar, nach „Maßgabe der Möglichkeiten“. War mir grad nicht möglich. Wenden auf der Autobahn? War mir grad möglich, also hab ich’s mal eben gemacht, war doch sehr entgegenkommend von mir, oder? Ich glaube, wir sind uns alle einige, es wäre eine Scheißidee.

Recht und Gesetz wird nicht nach Tagespolitik oder Wetterlage gemacht! Wer stolz auf die Leistungen des christlichen Abendlandes ist, auf seine Aufklärung, alf seine Dichter und Denker, der kann seine Werte nicht mal so eben über Bord werfen. Was wären es auch für Christen, die ihre christlichen Werte wie Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe bei der geringsten Versuchung außer acht ließen?

Eben! Also Finger weg von unseren Gesetzen, nur weil es gerade mal unbequem ist, sich als Staat und Gesellschaft daran halten zu wollen.

Die Sache mit den Flüchtlingen

Es muss einfach mal gesagt werden. Wurde zwar schon oft. Aber auch ich möchte meinen Senf dazugeben. Und zwar hier. Und meinen sehr eigenen Senf.

Was hört mich nicht alles in der letzten Zeit von „Argumenten“ gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Ich möchte hier ein paar solcher Argumente und „Argumente“ aufnehmen und meine ganz persönliche Antwort darauf geben.

Aber die kommen doch nur, weil sie ein besseres Leben haben wollen…

Streben nach einem besseren Leben ist ein ernstzunehmendes Argument, sich mal verändern zu wollen, das ist richtig. Jeder von uns kann ja mal über die eigene Lebenssituation nachdenken: Wie arbeiten wir? Wie wohnen wir? Wie leben wir? Und dann stellen wir uns vor, woanders gäbe es einen viel besseren Job, eine viel bessere Wohnsituation, wir könnten unser Hobby viel besser betreiben; kurzum, viele (oder gar alle) Umstände, die unser Leben ausmachen, könnten sich verbessern, teilweise deutlich. Würden wir das machen? Nein?

In gewissen (teilweise sehr) ländlichen Gegenden Deutschlands, geschieht genau das. Seit Jahr(zehnt)en. Wer will schon immer auf dem „Dorf“ leben, in dem der Uropa einst Bauernhof, Kaufmannsladen, Schmiede oder so betrieb? Die Grundschule gab es noch im Dorf, spätestens zur weiterführenden Schule musste man mit dem Bus ein Dorf weiter fahren. Oder auch ein paar Dörfer weiter. Nach dem Schulabschluss sorgten dann Bundeswehr oder Zivildienst dafür, dass manche jungen Männer mal einen ganz anderen Teil Deutschlands sahen. Und spätestens wenn man studieren wollte, verließ man die Gegend und es zog einen in eine Universitätsstadt. Manche Menschen kamen später weiter, wurden dann Dorfschullehrer oder Dorfarzt. Manche blieben aber weg. Und überließen die alte „Heimat“ sich selbst. Und hatten woanders ein besseres Leben.

Wir sehen also, Migration gab es schon immer. Nur fiel es eben nicht so auf, wenn der „Schwabe“ nach Berlin zog.

Aber die bringen ‚komische‘ Sprachen, Sitten und Gebräuche mit…

Auf alle Fälle bringen sie komische Sprachen mit. Aber das gilt auch für Bayern, Schwaben und Leute aus dem „Ländle“, die nach Berlin kommen.

Nein im ernst, schon immer gab es in „Deutschland“ Einwanderer, die (in unseren Ohren) seltsam klingende Namen hatten. Hamburg hatte mal einen Ersten Bürgermeister namens Klaus von Dohnanyi. Wurde Doh-nah-nie ausgesprochen. Die Familie stammt eigentlich aus dem ungarischen Teil Österreich-Ungarns und man spricht den Namen eigentlich Doch-na-nie aus.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, musste Deutschland im Rahmen des Versailler Vertrages Gebiete an andere Länder abgeben. Und so mancher, der vorher noch Oberschlesier war, wurde plötzlich Pole, so manch Österreicher wurde plötzlich Tscheche. Nicht jeder konnte sich mit dem neuen Staat anfreunden und verließ die angestammte Heimat und zog um. Die Schlesischen Kohlekumpel fanden im Ruhrgebiet neue Arbeit. Angst, dass die Neuankömmlinge den Alteingesessenen die Arbeit wegnahmen könnten gab es praktisch nicht: Der Erste Weltkrieg hatte gerade bei jungen Männern für erhebliche Lücken gesorgt. Und zudem gab es unter Kohlekumpeln immer schon eine sehr stake Solidarität. Und so wurden dann auch schlesische Namen wir Szczymanki Teil der deutschen Kultur. Später ließ mancher seinen Namen eindeutschten und hieß fortan Schimanski.

Übrigens sprachen die Schlesier nicht nur Schlesierdeutsch, manche von ihnen sprachen auch polnisch. Ohne es nachgeprüft zu haben: Bis in die frühen 1930er Jahre gab es polnischsprachige Tageszeitungen und Sparkassen für diesen Bevölkerungsteil.

Ja, jede Gruppe von „Gastarbeitern“ (so war die Bezeichnung damals) brachte einen Teil ihrer Kultur mit. Schnell entstanden Imbisse und Restaurants mit italienischer, spanischer, portugiesischer, griechischer und auch türkischer Küche. Der deutsche Teutone wäre heute noch bei Eisbein mit Sauerkraut stehengeblieben, hätten nicht seine Arbeitskollegen Pizza & Pasta, Tapas & Paella, Giros & Souvlaki und Döner Kebab mitgebracht. Genau, wie wir Omma Schimanskis schlesische Küche als Bereicherung empfinden, können wir auch die Küchen unserer neuen Mitbewohner als Bereicherung ansehen.

Aber es kommen so viele…

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele Menschen auf der Flucht vor den Russen oder wurden später von Russen oder Polen vertrieben. Und so mancher Flüchtling und Vertriebener landete in Schleswig-Holstein. Es waren so viele Menschen, dass Schleswig-Holstein binnen kurzer Zeit seine Bevölkerung ungefähr verdoppelte. Näheres dazu hier.

Auf jeden Menschen, der schon hier ist, kommt ein neuer Mensch dazu. Kaum vorstellbar. Aber es ging nach 1945. Weil es gehen musste. Weil es wirklich keine Alternativen gab. Und ab den frühen 1950er Jahren half das Wirtschaftswunder. Und plötzlich war Arbeit für alle da. (Und später mussten sogar Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden.)

Heute kommen auf 100 oder 80 Menschen ein Flüchtling. Und da soll das Boot plötzlich voll sein? BLÖDSINN! Es ist gerade 70 Jahre her, da haben wir Deutschen ganz andere Dinge bewältigt. Weil wir es wollten. Und deswegen konnten wir es auch. Ja, es war hart. Ja, es war unbequem. Und niemandem hat es damals Spaß gemacht. Aber was war damals die Alternative? Nicht vor der herannahenden Sowjetarmee fliehen? Sich lieber umbringen als vertreiben zu lassen? Ja, so oder so ähnlich waren damals die Alternativen. (Wir sehen also, der Begriff „Alternativlos“ ist keine Erfindung von Angela Merkel.)

Aber wir können die nicht alle versorgen…

Klar können wir. Ein Flüchtling auf 80 Personen, das sind…

Wenn jeder der 80 Bürger hier mal seine Kleiderschränke durchsucht, was an Kleidung noch in Ordnung ist, aber nicht mehr getragen wird. Sei es, weil wir uns daran sattgesehen haben, weil sich die Mode geändert hat, sei es, weil wir eigentlich nicht 20 Paar Unterhosen, T-Shirts, Socken oder so brauchen, aber der Supermarkt immer nur 5er-Packs verkauft, sei es, weil die Hosen beim Waschen etwas eingelaufen ist (oder wir etwas zugenommen haben).

80 Menschen trennen sich von einem (oder ein paar mehr) Kleidungsstück(en), dann hat der Neuankömmling einen brauchbar gefüllten Kleiderschrank. Und wenn nur jeder zweite sich von Klamotten trennen mag, dann kommen immer noch 40 Kleidungsstücke zusammen. Reicht erstmal. Und den Rest können sich die Menschen kaufen.

Übrigens, heute ist der 3. Oktober 2015. Heute vor 25 Jahren, wurde Deutschland wiedervereinigt. Formaljuristisch wurde der Beitritt der Ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik vollzogen. Formulieren wir es mal anders, formulieren wir es mal sehr böse:

Vor 25 Jahren ‚kamen‘ 16 Millionen Wirtschaftsasylanten nach Deutschland. Die allerwenigstens wurden wirklich politisch verfolgt, fast alle wollten einfach nur ein besseres Leben, wollten in West-Mark bezahlt werden, wollten Videorecorder, wollten West-Autos statt Trabant und Wartburg, wollten westliche Markenklamotten wie Levi’s-Jeans, wollten Turnschuhe von Nike und Adidas.

Ja, viele hatten das bisherige System auch ’satt‘ und wollten auch mehr Freiheit. Leider gab’s das alles nicht zum Nulltarif, welche Veränderungen es dann in der Praxis geben würde, hatten sich vorher die wenigstens vorstellen können.

Aber so lösen wir die Probleme vor Ort nicht…

Stimmt. Aber erstmal müssen Menschen unmittelbarer Gefahr entfliehen. Wo Krieg, Bürgerkrieg, Zerfall staatlicher Strukturen und Terrorismus das Leben unmöglich machen, müssen Menschen erstmal fliehen. Und nach Ende des (Bürger-)Krieges sind immer noch viele Zerstörungen vorhanden, so dass man nicht Zeitnah zurückkehren kann.

Erinnert sich noch jemand an den Krieg in Jugoslawien? Und kann in wenigen Sätzen erklären, wer damals gegen wen Krieg führte? Und warum? Kann wohl keiner. Unbekannt ist, dass die verschiedenen Kriegsparteien damals viele Minen einsetzen. Selbst wer nach dem Ende des Krieges zurückkehren kann, findet oft seine Stadt, sein Dorf, sein Haus (manchmal auch eher dessen Ruine oder Trümmer) vermint vor, was Neuaufbau erheblich erschwerte. Minen sollen töten, sollen verletzen, sollen Angst und Schrecken verbreiten, sollen Gebiete unpassierbar machen. Und all das machen sie auch. Der Wiederaufbau eines Hauses aus seinen Trümmern ist schon schwierig genug. Zu wissen, dass überall Sprengfallen oder Minen versteckt sein könnten und jeder Handgriff der letzte sein kann, macht es nicht einfacher.

Seien wir realistisch: Manchmal dauert es lange, bis Menschen wieder in ihrer angestammte Heimat zurückkönnen, rasch vergehen Jahrzehnte. Und manchmal, der „Bund der Heimatvertriebenen“ kann davon bestimmt ein Lied singen, kann man überhaupt nicht mehr in die alte Heimat zurück. Weil die längst zu anderen Staaten gehört. Gut, selbst die Ewiggestrigen haben irgendwann eingesehen, dass Parolen wie „Schlesien bleibt unser“ Jahrzehnte nach dem Krieg für Befremden sorgen.

Wie lange dauerte es, die deutsche Teilung zu überwinden? Und wie lange danach dauert es, bis wieder zusammenwächst, was zusammengehört(e)? Heute, 25 Jahre danach sind die Spuren der Teilung immer noch sichtbar.

Und ob manche Menschen jemals in die ‚Heimat‘ zurückkehren könnten, selbst falls sie es wieder wollten, ist unklar. Wer fliehen musste, möchte vielleicht wieder zurück, wenn die Ursachen der Flucht beseitigt sind. Und wenn das nie passiert? Wenn seit Jahr(zehnt)en ein Regime herrscht, dass einen nach der Rückkehr bestenfalls in den Knast, schlimmstenfalls an den Galgen bringt?

Wie wollen wir auch die Probleme in Syrien, in Afghanistan oder sonstigen Ländern von hier aus verändern? Können wir nicht. Was wir aber tun können: Wir können Menschen in Not aufnehmen. Und zwar würdig aufnehmen. Es ist nicht einzusehen, dass der „Deutsche Schäferhund“ besser gehalten wird als eine syrische Flüchtlingsfamilie.

Aber da kommen doch nur Bettler und Diebe…

Natürlich kommen auch Bettler und Diebe. Denn die gibt es überall. Auch Deutsche betteln und klauen. Wer mal in der Fußgängerzone einer deutschen Großstadt von schnorrenden Punks um etwas Kleingeld angegangen wurde, weiß, was ich meine.

(Bürger-)Kriege vertreiben meistens ausnahmslos alle Bevölkerungsschichten: Ärzte, Anwälte, Apotheker, Bäcker, Bauern, Bauarbeiter und das ganze Alphabet der Berufe hindurch bis hin zum Ziegenhirten. Viele von ihnen haben Berufe, die wir auch gebrauchen können. Oder Berufe, die gute Voraussetzungen schaffen für Berufe, die wir hier gebrauchen können. Nutzen wir das Potential der Flüchtlinge. Lassen wir sie hier arbeiten, dann können sie selbst für sich sorgen und liegen uns nicht auf der Tasche. Denn viele Flüchtlinge wollen uns nicht auf der Tasche liegen, sie wollen wieder ein möglichst normales Leben, also selbst Geld verdienen und sich ihr eigenes Leben so gestalten, wie es eigentlich alle Menschen wollen.

Aber ich mag keine Flüchtlinge…

Dann frag mal in Deiner Verwandtschaft, wer wirklich von „hier“ kommt. (Ur-)Oma und (Ur-)Opa sind vielleicht dort zur Schule gegangen, wo heute Polen ist. Also auch Flüchtlinge oder Vertriebene, wenn man da Unterschiede machen will. So ziemlich jeder Mensch hierzulande hat „Flüchtlinge“ unter seinen Vorfahren. Na und? Macht das jemand zu einem schlechteren Menschen? Natürlich nicht!

Niemand muss Menschen mögen, weil sie Flüchtlinge sind. Aber niemand sollte Menschen nicht mögen, nur weil sie Flüchtlinge sind.

Wer Flüchtlinge nicht mag, nur weil die Flüchtlinge sind, ist eben ein Arschloch.

Und was tust Du für Flüchtlinge?

Ich gehe meinen Kleiderschrank durch. Ich war selbst erstaunt, wieviele T-Shirts, Hemden, Hosen (habe nicht zugenommen, sie sind beim Waschen eingelaufen, ich schwöre!), Pullover und Schuhe ich finde, die ich nicht mehr anziehe oder noch nie angezogen habe.

Der Arbeitgeber musste mir Sicherheitsschuhe stellen, ich hatte jedoch immer nur meine eigenen getragen. Nun habe ich den „eingestaubten) Karton mit den ungetragenen Schuhen mal abgestaubt und das nicht nur im wörtlichen Sinne. Die Nutzungsdauer der Schuhe ist längst angelaufen, ich trage schon die Nachfolger der Nachfolger. (Solche Schutzschuhe dürfen bei uns nur drei Jahre nach Herstelldatum eingesetzt werden.)

Jedenfalls ist ein ganz schön großer Haufen zusammengekommen. Auch Handtücher und Bettwäsche, die aus der einen oder anderen Haushaltsverkleinerung in meinem Umfeld ihren Weg zu mir fanden, kann ich weitergeben. Mal ehrlich, was soll ich auch mit dem x. Satz Bettwäsche? Ein Satz ist in Benutzung, einer ist in der Wäsche, einer im Schrank, einer in Reserve und der Rest?

Ähnlich geht es mir mit Jeans und so. Wieviele davon habe ich? Wieviele davon ziehe ich (regelmäßig) an? Gut, manche von denen sind vom Zahn der Zeit so angenagt, dass … sie nur noch als Erinnerungs- und kaum noch als Kleidungsstücke taugen, die kann man aufheben oder aufgeben.

Und meine Gewohnheiten, was ich anziehe und was nicht, haben sich auch geändert. So manche Winterjacke, die ich einst trug, hängt seit ein paar ‚Wintern‘ im Schrank. Und demnächst wird sie jemand anderem durch den norddeutschen Winter helfen.

Ja, aber…

Kein aber. Jeder von uns kann (und muss) sich entscheiden. Und es ist einfach zu helfen. Schränke durchsuchen, Sachen kontrollieren. Und sich dann zu einem kleinen Teil vom eigenen Überfluss trennen. Und damit anderen Menschen sehr helfen.

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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