17. Juni, da war doch was…

Heute beim Umstellen des Kalenders fiel es mir wieder ein, ich wollte was zum 17. Juni bloggen. Eigentlich wollte ich das schon letztes Jahr, am 17. Juni 2013, dem 60. Jahrestag des Arbeiteraufstandes in Ostberlin. Dann hole ich es eben jetzt nach.

Wir alle erinnern uns, am 17. Juni 1953 kam es zu einem Aufstand der Bauarbeiter in Ostberlin, schnell wurde ein allgemeiner Arbeiteraufstand daraus. Und dann kamen die Panzer und walzten den Protest der Demonstranten nieder. So ungefähr wurde es uns im Geschichtsunterricht immer wieder erzählt.

Auch ich habe die Bilder der Panzer und der Demonstranten noch vor meinem geistigen Auge. Aber irgendwas hat mich an den Bildern immer gestört. Es hat lange gedauert, bis es mir klar wurde: Die Bilder zeigen sehr entspannte Panzerbesatzungen, die alles haben, nur keine Angst vor einer ernsthafteren Konfrontation.

Wie komme ich zu dieser — doch recht seltsam klingenden — Interpretation? Es sind ein paar Details. Um sie zu verstehen, muß ich etwas ausholen, ich beschränke mich aber auf die wesentlichen Fakten, die für das Verständnis unbedingt notwendig sind.

1.) (Kampf-)Panzer haben einen enormen Kraftstoffverbrauch. Um eine akzeptable Reichweite zu haben, müssen ausreichend große Tanks verhanden sein. In einem Panzer ist der Platz knapp, sehr knapp. Jeder Ecke ist mit Munition, Vorräten oder Ausrüstung vollgestopft. Und größer möchte man einen Panzer nicht bauen, denn je größer man ihn baut, desto größer ist er auch als Ziel für den Gegner. Findige Panzerkonstrukteure kamen daher beim sowjetischen Panzer T-34 auf die Idee, einen Teil des Kraftstofftanks nach außen zu verlagern. Am Heck befinden sich zwei (abwerfbare) Fässer. Normalerweise ‚fährt‘ man diese externen Tanks zuerst leer. Abgeworfen werden sie nur an bestimmten Sammelplätzen, wo sie gegen volle Tanks getauscht werden. Oder aber, wenn es ins Gefecht geht, denn ein (ungepanzerter) Benzin- oder Dieseltank erhöht die Brandgefahr erheblich.

2.) Wovor haben Besatzungen von (Kampf-)Panzern Angst? Natürlich vor anderen Kampfpanzern. Und wovor noch? Vor Panzerabwehr in Form von Panzerabwehrkanonen (PaK) oder –raketen (PaRak). Oder vor Infantristen, die in Panzernahbekämpung mit Haftminen oder gebündelten Handgranaten ausgebildet sind. Oder vor Brandflaschen, auch als Molotowcocktail bekannt. In einem brennenden Panzer zu sitzen ist als Vorstellung so angenehm wie einen Volltreffer von von einem anderen Panzer, einer Panzerabwehrkanone oder Rakete zu bekommen.

3.) Auf sehr vielen Bildern des Panzer, die am 17. Juni 1953 eingesetzt waren, sind die Zusatztanks noch an den Panzern. Die Besatzungen hatten offenbar keine Angst vor feindlichen Panzern, vor Panzerabwehr oder Molotowcocktails, sonst hätten sie — schon aus Eigenschutz — die Tanks abgeworfen.

4.) Ist es denkbar, daß die Tanks zwar mitgeführt waren, es sich aber um leere Tanks gehandelt haben könnte? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Es entspricht der sowjetischen Doktrin von Einsatzbereitschaft (zumindest einen Teil) ihrer Fahrzeuge vollgetankt und aufmunitioniert zu haben. Denn wenn es losgeht, ist keine Zeit, um in aller Ruhe zu tanken und sich mit Munition zu versorgen. Nein, die Einheiten mit hoher Bereitschaft sind gefechtsbereit und können binnen sehr kurzer Zeit ausrücken. Bedenken wir, daß 1953 Kalter Krieg war, ein Argument mehr für hohe Einsatzbereitschaft.

Sehen wir uns zum Beispiel dieses Bild nocheinmal genau an. Was sehen wir? Panzer mit der Nummer 83 mit Zusatztanks, die eine hohe Gefahr bei einem Angriff darstellen. Besatzungen, die sich der Risiken voller Zusatztanks durchaus bewußt sind. Trotzdem führen sie diese Tanks mit. Daraus schließe ich, daß sich die Besatzungen in keiner unmittelbaren Gefahr sahen. Die Bilder wirken eher so wie „fahrt da mal hin und macht Eindruck…“ Auch sitzt die Besatzung oben auf dem Panzer und sucht keinen Schutz in seinem Inneren.

Damit es keine Mißverständnisse gibt: Beim Arbeiteraufstand gab es ca. 75 Tote, die genaue Zahl ist unbekannt. Die meisten Opfer starben durch Schußverletzungen, die ihnen durch Volkspolizei und Sowjetarmee mit Handwaffen beigebracht wurden. Das ist schon schlimm genug, keine Frage.

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About Nik

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