Abenteuer Einkauf…

Wir alle wissen, daß man ab und an mal das Verlangen nach Abenteuer hat, so erging es auch mir neulich. Und da ich ein richtiger Mann bin, wollte ich natürlich auch ein echtes Abenteuer erleben. Doch was tun? Alle Achttausender wurden bereits ohne Sauerstoffmaske bestiegen, der Mond ist lange erobert, die Pole erforscht und im Dschungel Südamerikas trifft man statt wilder Indianer höchstens noch auf Rüdiger Nehberg. Welches echte Abenteuer bleibt uns Helden von heute noch? Genau, es ist die rauhe Wirklichkeit des Konsums, kurzum, ich war in Lübecks Innenstadt einkaufen.

Die erste Überraschung: Weihnachten steht doch noch nicht vor der Tür, dabei ist es doch schon Ende Oktober. Verwirrung stellte sich ein, hätte ich um diese Jahreszeit doch schon Horden von skandinavischen Touristen und weihnachtliche Dekoration erwartet, doch nichts da, Lübeck sah aus wie immer. Sollte mich statt eines echten Abenteuers nur ein süßer Traum erwarten?

Seit die Parkplatzsuche bestenfalls eine Beschäftigung für gelangweilte Rentner ist, mußte ich mir etwas anderes einfallen lassen. Meine Begleitung empfahl mir das Parkhaus von Karstadt-Sport. Parken als Abenteuer? Statt einer Auffahrt gibt es hier einen Fahrstuhl, der einen samt Auto auf das Parkdeck befördert. Sobald die Tür verschlossen ist, werden auch echte Helden an Filme wie „Fahrstuhl des Grauens“ erinnert. Doch dank stahlharter Nerven verzog ich kein Gesicht.

Meine endlose Suche nach der richtigen Hose führte mich auch in ein Fachgeschäft in der Königstraße, hinter dessen Schaufenster sich angeblich Lübecks größte Auswahl an Jeans verbirgt. Die erste Verkäuferin hört sich meinen Wunsch an und versuchte mich mit einem schnippischen: „Da müssen Sie ganz nach hinten durchgehen“ abzuwehren. Ich muß überhaupt nichts, nur irgendwann sterben und zwischen durch mal auf’s Klo, Baby… Endlose Meter später bin ich in der Herrenabteilung und erspähe doch tatsächlich das Regal mit den Hosen des gewünschten Herstellers. Suchend sehe ich mich um. Eine zweite Verkäuferin kämpft mit einem schwerhörigen Ehepaar und verliert nach Punkten.

Verkäuferin Nummer 3 und Verkäufer Nummer 4 werden von einem Kleiderständer in Schach gehalten, von ihnen wird keine Hilfe zu erwarten sein. Schnell wird mir klar, ich werde mir selbst helfen müssen. Doch halt, eigentlich war ich in der Laune auf Einkaufen, aber wie? Eine Durchquerung der Sahara ohne Wasser er-scheint mir immer einfacher als in diesem Geschäft mein Geld lassen zu können. Ich beschließe, nicht so schnell aufzugeben und uns allen noch eine letzte Chance zu geben und warte noch ein paar Minuten…

Verkäuferin Nummer 2 wurde mittlerweile von dem älteren Ehepaar aufgerieben und braucht ihren Nervenzusammenbruch nicht einmal mehr vorzutäuschen, ganz sicher ist sie nicht mehr in der Lage mich zu bedienen. Die anderen Verkäufer haben meine Ablenkung ausgenutzt und sich in Deckung gebracht, so daß sie nicht nur vor meinem Blick sondern auch vor meinem Geld in Sicherheit sind. Na dann eben nicht. Soll sich der Inhaber seine Segelflugzeuge von irgend jemand bezahlen lassen, nicht jedoch von mir. So beschließe ich, diesen Tempel des Nicht-Konsums zu verlassen und meinen Umsatz woanders zu tätigen.

Beim Herausgehen begegnet mir wieder die erste Verkäuferin und fragt: „Nichts gefunden?“. Meine Antwort „Die Hosen hätten Sie schon gehabt, nur habe ich niemand gefunden, der sie verkaufen wollte“ sorgt bei ihr für erkennbare mentale Überforderung. Schade, eigentlich!

Der nächste Jeans-Laden wirbt mit „Hier Werdin Sie glücklich“, diese Aussage stelle ich gerne auf die Probe, schließlich kann der Service nur besser sein und echte Helden wie ich lassen sich nicht von ein paar Verkäufer-Attrappen entmutigen. Bereits nach wenigen Sekunden bietet mir der dortige Verkäufer seine Hilfe an und fragt nach meinen Wünschen.

Das ursprünglich gewünschte Produkt wird in diesem Laden leider nicht geführt, doch er bietet mir andere spannende Produkte an. Fachkundig empfiehlt er zur Hose noch passenden Hemd und Gürtel, ohne dabei jemals aufdringlich zu wirken.

So verlasse ich wenig später gut ausgerüstet diese Filiale dieser Bekleidungs-Kette und um ein paar Hunderter erleichtert. Nun kann mir im rauhen Alltag nichts mehr passieren.

Und – was wollen wir wetten? – der Inhaber des erstens Ladens wird sich auch demnächst über den schlechten Wirtschaftsstandort Lübeck beklagen… Ich empfehle ihm ein Abenteuer in seinem eigenen Laden, dann würden wir sehen, ob er ein echter Mann ist…

Kommentieren

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

Archiv
  • 2018 (43)
  • 2017 (38)
  • 2016 (18)
  • 2015 (21)
  • 2014 (61)
  • 2013 (78)
  • 2012 (91)
  • 2011 (67)
  • 2010 (99)
  • 2009 (105)
  • 2008 (96)
  • 2007 (94)
  • 2006 (83)
  • 2005 (123)
  • 2004 (129)
  • 2003 (30)
Kategorien