Archiv für Januar 2006

Tron, Wikipedia und die Katze, die aus dem Sack ist

Seltsame Dinge geschehen diese Tage. Da erläßt ein Gericht eine Verfügung, daß die Weiterleitung des deutschen Ablegers von Wikipedia nicht mehr auf die Mutterdatenbank zeigen darf. Und nun? Nichts. Denn statt www.wikipedia.de gibt man nun de.wikipedia.org ein landet auf der gewohnten Seite des Nachschlagewerkes. Ist das alles? Ja und nein.

Worum geht es eigentlich? „Tron“, so der Künstlername eines vor Jahren verstorbenen Hackers, soll endlich in Ruhe gelassen werden, sein Familienname soll deswegen nicht mehr öffentlich genannt werden, so wünschen sich das die Eltern. Ja, das kann man verstehen. Es ist schlimm genug, wenn Eltern ein Kind verlieren, wenn dann noch die Gerüchteküche wie wild kocht, dann wird der Tod des Sohnes noch schmerzhafter.

Was war geschehen? Die komplette Geschichte ist im Netz nachzulesen, deswegen hier die (hoffentlich richtig wiedergegebene) Kurzfassung: Tron hatte als Diplomarbeit ein abhörsicheres Telefon entwickelt und ist unter mysteriösen Umständen gestorben. „Selbstmord“ war das Ergebnis der offiziellen Untersuchung. „Ermordung durch finstere Mächte“ so wollte es die zur Verschwörungstheorien neigende Hackergemeinde. Die Tatsache, daß keinerlei Beweise für Mord gefunden wurden, diente als Beweis für eben jene Verschwörung. Auch im Umfeld des Chaos Computer Club (CCC) wurde man nicht müde, an der Legende eines ermordeten Helden zu stricken. Ein toter Held läßt sich offenbar besser vermarkten als ein Mensch, der im Sumpf von szenetypischen Verschwörungstheorien und Paranoia untergeht und sich das Leben nimmt. Also kann nicht sein, was nicht sein darf.

Jahre vorher ist ein Hacker verstorben, auch bei seinem Leben und Sterben blieben einige Fragen offen, auch ihm widerfuhr eine fast sagenhafte Verehrung, sein Schicksal wurde sogar verfilmt. Und auch diesmal wurde an jedem Detail rumgedeutet, bis nur noch eine riesige Verschwörung dabei herauskommen konnte. Mit einem banalen Selbstmord konnte und wollte sich niemand abfinden. So wurde seinerzeit die Gerüchteküche angeheizt.

Klar, daß die Köche von einst nicht von ihren Verschwörungstheorien abrücken können oder wollen, manch einer hat sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt und muß wohl heute Angst haben, das Gesicht zu verlieren.

Nun soll also plötzlich der Deckel auf den Topf, dabei ist die Gerüchteküche längst übergekocht. Der volle Name von Tron läßt sich binnen kürzester Zeit in Suchmaschinen im Internet herausfinden. Jeder Versuch, den Namen geheimzuhalten ist lächerlich und zum Scheitern verurteilt. Da hilft es auch nichts, wenn der CCC auf Trons Diplomarbeit den Nachnamen abkürzt.

Auch Versuche der Eltern, bei Wikipedia den Klarnamen entfernen zu lassen, kommen zu spät. Man kann den Sonnenaufgang leugnen, doch irgendwann wird jeder erkennen, daß die Sonne aufgegangen ist. Die Katze ist also aus dem Sack. Jeder, daß heute von Schutz des Namens redet, aber damals öffentlich bekundete, daß man den Selbstmord nicht glauben wolle oder könne, hat dazu beigetragen, Trons richtigen Namen publik zu machen und Tron zur tragischen Person der Zeitgeschichte zu erheben. Wer dann heute den Schutz des Namens fordert, handelt unaufrichtig und muß sich Fragen nach den eigenen Motiven gefallen lassen. Das gilt auch für Trons Vater, der den Namen Tron sogar hat als Warenzeichen eintragen lassen.

Wer wirklich Ruhe für einen Toten will, der prozessiert nicht knappe acht Jahre nach dem Tod eines Menschen für seine Ruhe, sondern läßt ihn ruhen. Irgendwann wird sich die Gerüchteküche abkühlen, wenn endlich aufgehört wird, sie immer und immer wieder anzuheizen. Vielleicht wird Tron dann endlich die Ruhe finden, die er als Mensch verdient hätte.

Es wäre ihn zu wünschen.

Nachtrag: Eben hat das Amtsgericht die einstweilige Verfügung außer Kraft gesetzt. Die Entscheidung in der Sache ist offen.

Leben im Digitalzeitalter

Neulich beim Einkaufen verwickelte mich Frau Beissholz in eine Diskussion darüber, was für mich Leben im Digitalzeitalter bedeute. Bei der Gelegenheit mußte ich ihr versprechen, mir ein paar Gedanken zu machen und sie zu verbloggen.

Und damit wären wir auch schon in medias res: Ich blogge, schreibe also einen Teil meiner Gedanken auf und veröffentliche sie. Im Internet, so daß jeder Mensch sie lesen könnte, vorausgesetzt, es wird danach gesucht oder mein Feed gelesen.

Andere Menschen stehen morgens auf und holen sich noch im Nachthemd die Zeitung aus dem Briefkasten. Mein erster Gang führt mich morgens erst an den Rechner, um ihn einzuschalten, dann ins Badezimmer. Andere Menschen lesen ausführlich die Tageszeitung(en) am Frühstückstisch, dort hat dann jeder seinen individuellen Teil der Zeitung, der zuerst gelesen werden muß. Manch einer beginnt mit dem Comic des Tages auf der letzten Seite oder dem Sportteil, andere lesen zuerst die Börsenkurse und entscheiden danach, wie üppig ihr Frühstück ausfallen darf. Auch ich habe meine Rituale, in welcher Reihenfolge ich bestimmte Web-Seiten öffne und was ich morgens lese.

Ich halte das nicht für zwanghaft, jede Generation hat ihr Medium und die entsprechenden Konsumgewohnheiten dazu. Meine Oma, kurz vor dem Ersten Weltkrieg geboren, wuchs mit dem Radio auf. Für sie war es selbstverständlich, bei der Küchenarbeit das Radio eingeschaltet zu haben. Bei meinem Opa, kurz vor 1900 geboren, war das etwas komplizierter, er las mindestens zwei Tageszeitungen, wofür er sich oft ausführlich Zeit nahm. Auch hörte er Radio, aber meistens nur ausgesuchte Sendungen, bei denen er dann nicht angesprochen oder gar gestört werden wollte. Auch das Fernsehen war sein Medium, mit großer Freude sah er Dokumentationen über Natur, Technik oder Geschichte, dabei hat er doch einen erheblichen Teil der Geschichte doch selbst miterlebt…

Das ging soweit, daß die sonntäglichen Ausflüge mit Oma und Opa zeitlich so geplant wurden, daß wir pünktlich zum Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer wieder zu Hause waren. Die Älteren werden sich erinnern, sonntags um Punkt zwölf auf der ARD.

Mein Medium ist das Internet, ganz klar. Ich lese Blogs, bin in Newsgroups unterwegs, ich habe keine Lexika mehr im Haus, ich nutze lese in Wikipedia nach oder nutze Suchmaschinen, um gewünschte Inhalte zu finden. Wissen ist Wissen in seiner Zeit. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Deswegen hole ich mir viele Inhalte oder Nachrichten quasi on demand.

Nichts gegen bedrucktes Papier, ich lese gerne. Unterwegs ist eine Zeitung, Zeitschrift oder ein gutes Buch ein angenehmer Begleiter, der schnell und einfach in der Bedienung ist und nicht an der spannendsten Stelle wegen leerer Batterien den Dienst versagt. Und manche Inhalte möchte ich einfach in meinem Bücherschrank haben. Die letzten Einzüge in meinen Bücherschrank waren die die Romantrilogie „Das Boot, Die Festung, Der Abschied“ von Buchheim, die mir ein guter Freund zum Geburtstag schenkte und ein Sachbuch von Tom Clancy, das unter dem Weihnachtsbaum lag. Auch wenn ich alle Teile der Trilogie von Buchheim bereits gelesen hatte, es ist schön, sie jederzeit wieder zur Hand nehmen zu können.

Meine Musik höre ich fast nur noch als MP3 und auf dem Rechner. MP3s sind praktischer als CDs, entsprechende Abspielgeräte sind klein und ich muß nicht meine CDs mit mir rumschleppen.

Mein Telefon ist zwar noch ISDN und nicht rein internet-basierend, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit. Skype nutze ich häufig, wenn ich am Rechner sitze und dabei mein Gesprächspartner zum virtuellen Gegenüber am Schreibtisch mache.

Hab ich noch was vergessen? Natürlich! Andere Menschen hören ihren Anrufbeantworter mehr oder weniger sporadisch ab, ich lese meine regelmäßig und E-Mail ist inzwischen (fast) mein Lieblingsmedium geworden.

Ich habe keine Ahnung, wie und wohin die Reise weitergehen wird, aber ich finde es spannend, dabeizusein.

AWACS – Simulation von Sicherheit?

„Außergewöhnliche Zeiten erfordern manchmal auch außergewöhnliche Maßnahmen“, so lautet eine alte Weisheit. Was ist so außergewöhnlich an unseren Zeiten? „Der Terror“, werden einige nicht müde zu sagen. Um ihn zu bekämpfen, müsse alles erlaubt sein, dürfe es keine Gesetzeslücken geben, keine Schwäche und erst recht kein Pardon. Ah, ja.

In diesem Jahr ist die Bundesrepublik Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft. Das ist fast so was wie Olympia. Huch, wie erinnern uns: 1972 fand die Sommerolympiade in München statt. „Heitere Spiele“ sollten es werden. Bis zu einem Terroranschlag. Da war dann Schluß mit lustig.

Wieder schaut die Welt nach Deutschland, das Land, in dem alles nicht nur geregelt ist sondern auch perfekt durchorganisiert erscheint. Jedenfalls aus dem Blickwinkel vieler anderer Staaten. Verständlich, daß sich so etwas nicht wieder wiederholen soll. Weder der Terroranschlag, noch die vielen Toten, von denen ein Teil beim Befreiungsversuch der Polizei gestorben ist. Also machen wir diesmal alles richtig. Und zwar mit deutscher Gründlichkeit. Jawoll!

Die einen fordern schon den Einsatz der Bundeswehr. Also einer Armee, deren Kasernen teilweise von zivilen Wachfirmen bewacht werden müssen, weil die Soldaten das nicht selbst wollen oder können oder Wachfirmen besser oder billiger sind.

Mit dem, was die bewaffnete Landesverteidigung so alles zu bieten hat, kann man in Friedenszeiten eher wenig anfangen: Panzer sind gut, wenn es darum geht, eine angreifende Panzerarmee abzuwehren. Okay, dann wird der Kampfpanzer Leopard eben nicht den Verkehr auf der Kreuzung regeln. Na, vielleicht kann dann der Spürpanzer Fuchs chemische Kampfstoffe erschnüffeln. Klar kann er. Und dann? Bei einem Chemiewaffenangriff ist es nett zu wissen, welche Substanzen eingesetzt wurden. Im Gegensatz zum Soldaten verfügt der gemeine Fan der Fußball-WM über keinerlei Ausbildung oder Ausrüstung zur Abwehr solcher Substanzen.

Nun soll’s die Luftwaffe rausreißen. Jagdflugzeuge von Typ „Phantom“ sollen verdächtige Flugzeuge abdrängen oder gar abschießen. Ach, wenn das nur einfach wäre. Natürlich kann ein Jagdflugzeug andere Flugzeuge abschießen. Unten bestimmten Bedingungen jedenfalls. Wenn ausreichend Zeit da ist. Schließlich patrouillieren nicht ständig Jagdflugzeuge über Deutschland. Auf jede Flugstunde der „Phantom“ kommen runde 40 Stunden Wartung. So kostet jede Flugstunde ein kleines Vermögen. Ob für den Dauereinsatz ausreichend Maschinen bereitstehen, entzieht sich meiner Kenntnis. Also starten die Maschinen erst, wenn es soweit sein sollte. Dann ist die Alarmrotte binnen 20 Minuten in der Luft an am Ziel. Wenn es dann noch ein Ziel gibt.

Auch das AWACS, fliegendes Radar-Auge und Befehlsstand zugleich, braucht eine gewisse Zeit, um sehr tief oder langsam fliegende Objekte zu erkennen. Ein Ultraleichtflugzeug oder Motordrachen ist zerlegbar und kann bequem per Kleinlaster oder Anhänger transportiert werden. Binnen weniger Minuten ist es dann zusammengebaut und kann ein paar hundert Kilogramm „Nutzlast“ auf dem Luftweg in das Stadion befördern. Für den Start reicht ein kurzes Stück gerade Straße in der Umgebung. Und nach ein oder zwei Flugminuten ist man am Ziel. Der Aufklärer wird das wahrscheinlich mitbekommen, aber ob die Zeit reichen wird, wirksame Maßnahmen zu ergreifen?

Machen wir uns also nichts vor. Gefühlte Sicherheit ist keine reale Sicherheit. Da hilft es auch nicht viel, wenn der Verfassungsschutz nun jeden Cola- oder Würstchenverkäufer durchleuchten wird. Oder besteht die größte Gefahr für die WM in verdorbenen Lebensmitteln?

Weihnachten und Kinderaugen

„Weihnachten ist das Fest der Liebe“, sagen die einen. „Unsinn, Weihnachten ist eine Erfindung des Einzelhandels“, entgegnen die anderen. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Oder liegt in den Augen von kleinen Kindern, die noch an den Weihnachtsmann glauben. Die Bescherungsberaterin bat mich als echten Nikolaus, für den kleinen Sohn einer Freundin den Weihnachtsmann zu machen.

Bekanntlich bin ich für fast jeden Spaß zu haben und sagte zu. Am nachmittag des Heiligen Abends bekam ich mein Kostüm und einen dermaßen großen Berg von Geschenken, daß sie nicht alle in den Sack paßten und ein Teil von ihnen vor der Wohnungstür deponiert werden mußte.

Am frühen Abend wurde dann aus dem Nikolaus der Weihnachtsmann. Das ausgeliehene Kostüm war viel zu weit – an der Hose. Seit wann hat der Weihnachtsmann einen dicken Hintern? Dafür konnte auf ein Kissen zum Ausstopfen der Jacke verzichtet werden.

Ohne Brille und mit falschem Bart war ich dermaßen unkenntlich, daß sogar die Katze, die sich sonst ausgiebig von mir flauschen läßt, bei meinem neuen Anblick fluchtartig das Weite suchte. Also die perfekte Voraussetzung, um nicht enttarnt zu werden. Manchmal sind kleine Menschen verdammt clever und ihnen fällt auf, daß der Weihnachtsmann die gleichen Handschuhe wie Papa trägt…

Mit dem Sack voller Geschenke schwer beladen, wankte ich die Treppe rauf und klingelte. Der Junge rannte zur Tür, öffnete, sah mich, erschrak und rief laut nach seiner Mama, während er mich ungläubig staunend ansah. „Oh, schau doch mal, Julian, der Weihnachtsmann ist da.“

Mit großen Augen sah mich der Kleine an. Ich konnte sein „Den Weihnachtsmann gibt es ja wirklich“ förmlich hören, auch wenn es ihm nur durch den Kopf ging. Nach etwas Zureden seiner Mutter, sagte er dann brav sein Gedicht auf und griff in den Sack mit den Geschenken. Als er begriff, daß alle Geschenke im Sack für ihn waren, wurden seine Augen größer und immer größer, fast so groß wie der Berg mit Schachteln und Kartons, den der arme, alte Weihnachtsmann gerade die Treppe hinaufbuckeln mußte.

Froh und erleichtert verzog sich der Weihnachtsmann, der Junge hatte mich nicht erkannt und der Sack war leer. Selten habe ich in so glückliche Kinderaugen gesehen, wie in diesem Moment. Es stimmt schon, die besten Zeiten im Leben sind vorbei, wenn man nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben kann.

Der Name der Hose – Klappe die zweite

Diesmal wollte ich im Revier der Klamottenberaterin wildern. In der gewohnten Ecke guckte ich verstört, genauso verstört wie das junge Gruftie-Paar, das in ihrer gewohnten Ecke nun plötzlich Baby-Bekleidung vorfand. Offenbar hatte der Hippie-Ausstatter umgeräumt.

Während die Klamottenberaterin zur Einkaufs-Ecken-Lotsin mutierte und den Grufties den Weg zeigte, erkundete ich die Armee-Bekleidung. Schnell sichtete ich das Angebot und zog ein paar Hosen in die engere Auswahl, um sie Richtung Ankleide zu schleppen. Die Klamottenberaterin täuschte Desinteresse vor und ließ mich eine Hose nach der anderen anprobieren und vorführen. Ich war etwas unschlüssig und versuchte, Entscheidungskriterien zu finden. Schließlich war es eine schwarze Hose, die durch viele Taschen punktete, ohne jedoch zu verspielt auszusehen. Stolz auf meine schnelle Entscheidungsfindung drückte ich der Klamottenberaterin die Hosen in die Hand. Ein Stapel sollte zurück, die ausgesuchte Hose zur Kasse. Ich war im Begriff mich anzuziehen, als die Klamottenberaterin in die Ankleide schaute und fragte: „Was willste jetzt noch für eine Hose anprobieren?“

„Das ist meine Hose, ich kann wohl kaum ohne zur Kasse gehen.“ Klärte ich sie auf. Sie überspielte die komische Situation souverän, in dem sie verkündete, daß die schwarze Hose sowieso die Einzige gewesen sei, die sie akzeptiert hätte.

Und da heißt es immer, man habe beim Einkaufen die freie Wahl…

Auf der Straße nach Süden – Kalt erwischt

Wieder einmal führte mich mein Weg nach Süden. Soweit so gut. Doch diesmal hat’s mich kalt erwischt, gleich mehrfach.

Das erste mal wurde ich kalt erwischt, als mein Auto seinen Geist aufgab. Noch bei der Durchsicht entdeckte mein technisches Universalgenie, daß demnächst einige Sachen fällig seien und machte auch gleich mit mir einen Termin für Anfang Januar aus.

Arglos machte ich mich auf den Weg nach Süden. Nach etlichen Kilometern, ziemlich genau auf der Hälfte meiner Strecke, wollte ich eine Pause machen und steuerte eine Raststätte an. Vor mir wurde gerade ein Parkplatz frei, ich warte im Leerlauf, als plötzlich der Motor ausging. Abgewürgt, dachte ich zu mir und wollte den Motor erneut anlassen, doch er sprang einfach nicht an. Ratlos öffnete ich die Motorhaube, um sie noch ratloser wieder zu schließen. Als Laie konnte ich nichts erkennen. Also zücke ich das Bedienungshandbuch meines Autos und suche, welche Sicherung kaputt sein könnte. Das war’s also auch nicht. Was nun?

Für derlei Unwägbarkeiten ist man in einem Automobilclub. Also dort angerufen und nach Hilfe gefragt. Kurze Zeit später sucht ein gelber Abschlepper mein Auto. Der Experte wirft einen Blick unter die Haube und eröffnet mir, daß der Zahnriemen gerissen sei und das möglicherweise einen kapitalen Motorschaden bedeute, mehr könne er erst sagen, wenn er in den Motor reingesehen habe. Ich bin bedient.

Da mein Auto aus eigener Kraft so schnell keinen Meter mehr fahren wird, organisiert mir die Werkstatt einen Mietwagen, damit ich mein Ziel noch erreichen kann. Mit gemischten Gefühlen begebe ich mich zurück auf die Straße nach Süden.

Das zweite mal wurde ich kalt erwischt als ich den Mietwagen zurückbringen wollte. Das Auto stand nachts draußen und der Schnee hatte es hübsch zugeschneit. Kein Problem, mit einem Handfeger grabe ich den Mietwagen aus und mache mich auf den Weg, mein repariertes Auto abzuholen. Nach ein paar Kilometern ist die Scheibe dreckig, der Scheibenwischer alleine kann keine Abhilfe schaffen, dazu braucht es Scheibenreiniger. Ich betätige den Hebel und höre die entsprechende Pumpe gequält aufjaulen, doch es kommt nichts. Genervt halte ich an der nächsten Tankstelle an und werfe einen Blick unter die Haube. Was ich sehe, erfreut mich nicht. Der Behälter für Scheibenreiniger ist bis oben hin voll – mit Eis. Na, dann kann das auch nicht funktionieren. Genervt mache ich die Haube wieder zu und putze die Scheibe auf klassische Art, mit Schwamm und Abzieher. Noch habe ich die Hoffnung, daß die Motorwärme den Behälter samt seiner Leitungen auftauen wird. Ein paar Tankstellen und Handwäschen später muß ich diese Hoffnung aufgeben. Zwar ist der Motor durchgewärmt und die Innentemperaturberaterin durchaus mit der Leistung der Heizung zufrieden, aber der Behälter ist an einer Stelle eingebaut, an der er keine Motorwärme abbekommt und auch nicht auftauen wird.

Ich bin mehr als nur verärgert. Wie kann man ein Auto für teuer Geld vermieten, wenn es wegen so eines Mangels nicht fahrtüchtig ist? Ich versuche zu improvisieren und organisiere an der Tankstelle einen Eimer warmes Wasser, welches ich langsam und vorsichtig über den Behälter und seine Leitungen gieße. Für einen Moment kann ich die Scheibenreinigungsanlage benutzen und fahre an ein paar Tankstellen vorbei statt an ihnen anhalten zu müssen. Doch schon nach einer halben Stunde ist wieder alles eingefroren und Dreck, Salz und der Matsch anderer Verkehrsteilnehmer bilden eine nahezu blickdichte Schutzschicht auf meiner Scheibe, so daß ich mich weiterhin von einer Tankstelle zur nächsten hangeln mußte. Was auf einer Bundesstraße nur nervig und zeitraubend ist, wurde auf der Autobahn dann zur fast vollendeten Katastrophe, weil es nicht in jedem Dorf eine Tankstelle gibt. Mit Mineralwasser aus der Bordverpflegung mußte ich die Scheibe dann auf den Rastplätzen naßmachen und so den gröbsten Dreck entfernen.

Selten habe ich mich so gefreut, am Ziel angekommen zu sein. Im Mietwagen ist auch ein Formular, in welches Kunden bei der Rückgabe des Fahrzeugs ihre Kommentare eintragen können, schließlich ist Kundenfeedback wichtig. Dort schildere ich meine Erfahrung in Stichworten. Ausführliche mache ich das im Webformular für Beschwerden und Reklamationen. Heute, fast eine Kalenderwoche später, habe ich immer noch keine Rückmeldung des Autovermieters bekommen. Werden Kundenbeschwerden dort immer so gehandhabt?

Lieber Autovermieter Avis, vielleicht wird euer „We try harder“ eines Tages dazu führen, daß man auch bei Euch „First Class fahren“ kann, so wie bei Sixt.

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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