Archiv für November 2006

Unheimliche Begegnung

Der Raum ist dunkel. Die einzige Lichtquelle ist eine Kerze, ihr Flackern läßt die Schatten an der Wand entlang tanzen. In der Luft der Geruch von Räucherstäbchen. Im Hintergrund sanfte Musik, deren Richtung ich weder einschätzen noch zuordnen kann. Ist auch nicht wichtig. Ich liege auf einem mit Tüchern verhangenen Sofa und warte. Warte darauf, daß sie den Raum betritt. Ich warte geduldig. Ich will sie nicht bedrängen, will ihr alle Entscheidungen überlassen. Sie wird kommen oder nicht. Sie wird reden oder nicht. Sie wird sagen, wo die Grenze ist, worüber sie reden wird und worüber nicht.

Irgendwann betritt sie den Raum, wirft mir ein kurzes Hallo zu. Sie sitzt so, daß ich sie nicht sehen kann. Es ist ihr wichtig. Sie kann mich sehen, aber ich sie nicht. Das war eine ihrer Bedingungen. Sie will nicht, daß ich ihr in die Augen sehen kann. Das ist okay für mich.

„Du hast bestimmt schon einiges über mich gehört“ fängt sie das Gespräch an. Ja, habe ich. Trotzdem bin ich neugierig, nein, nicht neugierig, ich bin interessiert, die Geschichte von ihr selbst zu hören.

Sie fängt an zu erzählen. Von der kaputten Familie, dem Vater, den sie nie kennengelernt hat, der Mutter, die sich zu Tode gesoffen hat. Aus ihrem Mund klingt das nicht wie die üblichen Klischees, es klingt schmerzlich authentisch. Und dann berichtet sie, daß sie ausgerissen sei. Und dann kamen die falschen Leute. Leute, die ihre Situation erkannten und ausnutzten. Sie war jung, gerade 13. Genau das richtige Alter fanden die Männer, die auf Frauen stehen, die noch lange keine Frauen sind. Das ganze ist weit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich will mir das nicht vorstellen. Ich kann es auch nicht. Ich habe von solchen Fällen gelesen, gehört, aber nun erfahre ich es aus erster Hand.

Ich höre schweigend zu. Erfahre, wie das Geschäft abgewickelt wird. Daß man in entsprechenden Lokalen Mädchen bestellen kann. Und dann wird einem die Ware präsentiert. Der Kunde wählt dann aus, welches Stück Fleisch er haben will und wie jung oder alt es sein soll. Sie hat schnell gelernt, die Wünsche der Männer zu erraten und zu erfüllen. Ich frage sie nicht, ich höre zu. Sie redet und redet. Ich spüre, daß es ihr guttut, daß sie darüber reden kann.

Ich achte nicht nur auf das, was sie sagt. Ich achte auch auf Wortwahl und Stimme. Der freche Klang in ihrer Stimme fällt mir auf. Wieviel davon ist echt, wieviel davon ist einstudiert? Ob sie die Wirkung kennt, die ihre Stimme auf Männer haben kann? Ich vermute es. Sie klingt wie eine Bekannte von mir, nur ein wenig frecher. Meine Bekannte ist längst erwachsen. Mit sechzehn Jahren schon so eine Stimme? Und so freche Sprüche? Wer so bellt, sollte auch Beißen können. Oder alt genug sein, um gebissen zu werden. Sie ist davon noch weit entfernt. Auch wenn sie weder so aussieht noch sich so anhört, sie ist fast noch ein Kind. Und doch schon so erwachsen.

Sie erzählt von den Drogen. Sie verflucht das Zeug. Aber ohne hat sie es nicht ausgehalten. Wer von Drogen betäubt ist, empfindet weder Ekel noch Abscheu. Wer abhängig ist, der kann nicht weglaufen. Wenn der Körper Nachschub braucht, kehrt man zurück und erträgt das, was andere Menschen mit einem machen.

Irgendwann hat sie gespürt, daß sie raus muß. Doch wie? Wem kann man vertrauen? Mit wem kann man die eigene Flucht vorbereiten? Und wohin will man fliehen? Ohne Geld, ohne Papiere? Wer hilft einem, wenn der Entzug einsetzt? Und was macht der Zuhälter? (Sie nannte ihn nicht so.) Kein Zuhälter wird zusehen, daß seine Einnahmequelle versiegt und vor Polizei oder Gericht gegen ihn aussagen wird. Wer wird sie beschützen? Eine Frau wollte aussteigen. Mit ihr zusammen ist sie abgehauen.

Und dann kam der lange Weg zurück in ein normales Leben. Entzug und Krankenhaus. Behörden-Marathon. Das Jugendamt bezahlt ein Wohnprojekt. Sie geht wieder zur Schule. Sie hat viel versäumt, da sie lange nicht zur Schule gehen konnte. Sie ist gut in der Schule, macht demnächst ihren Schulabschluß. Dann will sie Abitur machen. Und studieren. Ich höre zu. Und freue mich für sie. Diese Baustelle hat sie im Griff.

Anderes ist nicht so einfach zu bewältigen wie versäumte Schulbildung. Sie ist sehr scheu. Ihr Verhältnis zu Menschen ist schwierig, besonders das Verhältnis zu Männern. Sie braucht Abstand, um sich im Gespräch öffnen zu können. Ich bewundere ihre Offenheit mir gegenüber und verstehe, daß sie nicht angesehen werden will. Es ist noch ein langer Weg zurück in die emotionale Normalität. Sie wird es schaffen, das spüre ich.

Die Kerze flackert und erlischt. Der Raum ist ganz dunkel. Sie steht auf. Bevor sie den Raum verlassen wird sagt sie, daß ihr unser Gespräch gefallen hat. Das freut mich. Ich weiß, daß sie noch einen langen Weg vor sich hat. Wenn ich ihr helfen kann, will ich das gerne tun. Auch wenn mir schmerzlich bewußt wird, daß ich nicht mehr tun kann, als zuzuhören, wenn sie reden möchte. Aber wenn sie reden möchte, dann bin ich da.

(Dieses Gespräch fand vor ein paar Tagen im Begegnungsraum des Wohnprojektes statt. In irgendeiner norddeutschen Kleinstadt.)

Das Netz vergißt nie

Man sagt, das Netz vergesse niemals. Sollte das wirklich stimmen, dann vergessen nur die Menschen, die das Netz nutzen.

Danke für Alles!
Danke für Nichts!

Paradoxer Alltag – Diät-Produkte im Wandel der Zeit

Viel hat sich bei Diät-Lebensmitteln getan. Früher kam mir der Geschmack dieser Diät-Produkte komisch vor, ich hatte immer den Eindruck, daß jene Produkte nur von Menschen gekauft werden, die nicht mehr anders können oder dürfen.

Heute ist das anders. Immer mehr Hersteller bieten tolle Diät-Produkte an. Ich meine damit nicht die Gruppe von Produkten, bei denen Fett eingespart wurde und durch mehr Zucker ersetzt wurde, was mir wie Verbraucherverarschung geschicktes Marketing vorkommt. Ich meine die Joghurts, die wenig Fett und wenig Zucker enthalten, aber trotzdem noch wirklich gut schmecken.

Teilweise so gut, daß man gerne noch einen zweiten davon essen möchte. Ob das dann noch im Sinne der Diät is(s)t?

Wort des Tages

Unterhaltung mit einer langjährigen Freundin. Wir tasten uns an ein Gespräch heran, stellen die üblichen Wie-geht-es-Dir-Fragen. Sie will sich nicht beschweren. Ihr Kind ist alt genug, sie geht wieder arbeiten. Ich vermute, daß es ganz gut für sie ist. Sie sieht das etwas anders, weil sie viel um die Ohren hat und ihr Job und Kind manchmal etwas viel werden.

Für Mutter und Hausfrau hätte sie nicht studieren müssen und sich mit 17 Jahren schwängern lassen können.

Hätte ich vielleicht machen sollen…

Ich bin sicher, daß sie mit der Entscheidung unglücklicher geworden wäre.

Die Qual der Zahl

Da die könikliche Karosse gerade zur Kur ist, lasse ich mich mal kutschieren und nutze den Bus. Gleich vorne beim Fahrer erspähe ich einen freien Platz und setze mich. Die Frau neben mir fällt mir zunächst nicht auf, aber sie zählt an jeder Haltestelle die einsteigenden Personen. Dabei unterscheidet sie nach den einzelnen Fahrkartenarten und muß auch noch den Überblick behalten, wie viele Personen aussteigen und wie viele Menschen noch im Bus sitzen. Das hört sich nicht kompliziert an, aber wenn man das alles gleichzeitig machen soll und in einem vollbesetzten Bus den Überblick behalten will, dann kommt man schnell ins Schleudern. Frau wohl nicht. Sie bemerkte mein Interesse an ihrer Arbeit als Fahrgastzählerin und erklärte mir, warum das ganz einfach sei:

Frauen können eben viele Dinge gleichzeitig und haben alles mit einem Blick gesehen.

Ich hatte keine weiteren Fragen 🙂

Auch ohne Schnee — Winter

Grühkohl, so will es eine alte Sitte, wird erst gegessen, wenn es schon Frost gab. Hatten wir neulich schon. Jedenfalls ein bißchen. Die Pfützen waren mit einer Eisschicht überzogen. Das gilt doch schon, oder? Wie auch immer, ich habe beschlossen, daß die Grünkohl-Saison wieder begonnen hat. Und dreimal dürfen die geschätzte Leserin und der geehrte Leser raten, was ich gerade auf dem Herd habe…

Geschenke, die man sich nicht wünscht

Geschenke, die man sich nicht wünscht? Klingt paradox. Aber bei manchen Spielzeugen hat man doch vielleicht mit Zitronen gehandelt und bekommt deutlich mehr Ärger als Freude. Die rede ist von den kleinen Wunderdingern, die Musik abspielen. Die Dinger an sich sind eigentlich ganz schön, sofern sie die Standards MP3 oder Ogg Vorbis abspielen. Dann ist alles ganz einfach.

Dummerweise gibt es dann noch die Formate der Hersteller. Und dann noch das Digital Rights Management (DRM). Und schon beginnen die Probleme, denn die Anbieter von Musik wollen verhindern, daß sich ein runtergeladener Song überall abspielen läßt. Was passiert, wenn nun der Spieler von A mit der durch Anbieter B DRM-geschützten Musik nach einem Firmwareupdate nicht mehr laufen wird?

Bei Spiegel Online hat man sich dazu ein interessantes Szenario ausgedacht.

Also bitte, lieber Weihnachtsmann, schenke mir die Musik in Form von CDs, einen MP3-Spieler habe ich nämlich schon. Und, lieber Weihnachtsmann, verschone mich mit kopiergeschützten CDs, denn die machen Ärger, wenn ich mir daraus Futter für den mobilen Hörgenuß machen möchte.

Ja, is‘ denn heut‘ scho‘ Weihnachten?

Also mein Kalender sagt, daß es bis Weihnachten noch ein wenig dauern wird. Aber Geschenke durfte ich heute trotzdem schon auspacken. Und was soll ich Euch sagen, ich konnte mich darüber freuen wie ein kleines Kind. Ich war fast enttäuscht, als ich mein neues Spielzeig dann in den Schrank stellen mußte.

Ich glaube, Männer werden nie erwachsen, sie bleiben immer Jungs, nur der Preis der Spielzeuge steigt…

Bedeutung von Symbolen — Palmen in Afrika und Afghanisten

Bei Spiegel Online lese ich gerade, daß deutsche Soldaten in Afghanistan eine Palme auf ihr Auto gemalt haben sollen. Und diese Palme soll an Hitlers Afrika-Corps erinnern. Oh wie böse.

So, nun wischen wir uns mal den Schaum vom Mund und denken nach:

In so ziemlich allen Armeen der Welt gibt es Traditionen, viele dieser Traditionen sind sehr alt. „Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, wird mit dem Zeitgeist untergehen“ wird als sinngemäße Begründung angegeben, warum man an gewissen Traditionen festhält. Traditionen wie „Großer Zapfenstreich“ oder die militärische Zeremonie des Salutschießens sind sehr alt. Um sie zu verstehen, muß man sie im historischen Kontext sehen. Dann, und nur dann, kann man sie beurteilen. Ähnliches gilt auch für die Symbole oder Bezeichnungen von Einheiten.

Es gibt viele traditionelle Anleihen an die Vergangenheit, an denen niemand Anstoß nimmt:

  • Eine Panzereinheit der Bundeswehr nennt sich „Eisenschweine“, diesen Beinamen gab auch in der Wehrmacht.
  • Das Abzeichen an den Baretten der Panzeraufklärer der Bundeswehr zeigt einen Spähpanzer der Wehrmacht.
  • Die Panzeraufklärer bezeichnen sich als Kavallerie, dabei waren die beritten Aufklärer zuletzt in Hitlers Armee unterwegs.
  • Vor Jahren sah ich im Wappen eines Fernmelde-Bataillons der Bundeswehr eine Palme. Ich fragte einen Offizier nach ihrer Bedeutung. Nicht ohne Stolz erklärte er mir, daß dieses Bataillon der Nachfolger einer Einheit sei, die in Afrika durch ihre Leistungen aufgefallen war.

Soldaten, die im Sand kämpfen, haben schon immer Symbole wie Palmen genutzt. Das war beim deutschen Afrika-Corps ebenso üblich wie bei Panzertruppen der US-Armee. Wenn also nun deutsche Soldaten im Sand von Afghanistan sich ebenfalls eine Palme auf ihr Auto malen, dann ist das wirklich kein Skandal.

Der einzige Skandal, den ich daran erkennen kann, ist die Form der Berichterstattung. Daß sich auch Spiegel-Online in dieser Form beteiligt, enttäuscht mich sehr. Ich hätte der Redaktion mehr Sachverstand unterstellt.

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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