Archiv für Dezember 2006

Unheimliche Begegnung — Teil 3

Mein Mobiltelefon zeigt eine neue Nachricht an. Sie fragte, ob ich sie besuchen wolle. Also packte ich meine Sachen und setzte mich ins Auto. Die übliche Prozedur war schnell abgearbeitet. Ich wartete im Besucherraum, versuchte mich zu entspannen. Leise, fast unhörbar, betrat sie den Raum. „Schön, daß Du Zeit für mich hast“.

Das hatte ich ihr ja versprochen. Heute ist die Stimmung komisch. Es fällt ihr nicht leicht zu reden. Ich schweige, warte ab. Ich weiß, wenn sie was erzählen mag, dann wird sie es erzählen. Keinesfalls mag ich sie bedrängen. Sie räuspert sich, versucht zum Sprechen anzusetzen, doch ihre Stimme klingt brüchig. Sie hat keinen Frosch im Hals, das ist eher ein dicker Kloß im Hals, der sie abhält, mit mir zu reden.

Ich höre, daß sie nervös mit dem Reißverschluß ihrer Strickjacke spielt. Mein Versuch, Ruhe und Gelassenheit auf sie aufzustrahlen, ist offenbar nicht erfolgreich. Sie springt auf, geht ein paar Schritte im Raum. Fragend sehe ich in ihre Richtung. „Komm, wir gehen spazieren.“

Noch während ich aufstehe, verläßt sie den Raum. Ich höre sie mit jemandem reden, bekomme mit, daß sie sich abmeldet, daß sie uns abmeldet. Ich ziehe meine Jacke an und gehe zum Ausgang. Dort steht sie und wartet auf mich. Draußen ist es dunkel und jahreszeitlich angemessen frisch. Sie ist dick angezogen, die Jacke läßt sie viel dicker aussehen, als sie ist, eine Mütze, tief ins Gesicht gezogen, schützt vor Kälte und vor Blicken. So vermummt geht sie voran, ich folge ihr.

Die kalte Luft tut gut. Schweigend gehen wir durch die Nacht. Ich muß mich nicht zwingen, sie nicht anzusehen, meine Augen sind damit ausgelastet, in der Dunkelheit den Weg zu erkennen. Ich spüre, wie ihre Nervosität langsam nachläßt. Langsam sucht sie den Einstieg in ein Gespräch. Ich versuche die richtige Mischung aus Interesse und Abstand zu wahren, will nicht neugierig sein. Ich schnuppere einen bestimmten Geruch. Spielt mir meine Nase bei der kalten Luft einen Streich? Nein, der Geruch ist da, dann höre ich ein leises Wiehern. Kurze Zeit später mache ich ein größeres Gebäude in der Dunkelheit aus. Nun wird mir klar, was ihre Nervosität vertrieben hatte.

Wir kommen an den Pferdestall, sie öffnet die Tür und geht hinein. Es ist nur wenig Licht an, ich folge ihr in das Halbdunkel. Ich soll stehenbleiben, sie geht kurz weg und kommt mit einem großen Strohballen wieder. Sie setzt sich. „Du kannst Dich auch draufsetzen, so dick bin ich nicht, das reicht für uns zwei.“ Ich zögere, setze mich dann aber doch. Ich traue mich nicht, sie anzusehen. Nun bin ich nervöser als sie.

„Das wird schon“, sagt sie zu mir, als ob sie meine Gedanken lesen könnte. „Pferde strahlen eine unglaubliche Ruhe aus, du wirst sehen.“ Ich antworte nicht, versuche abzuschalten. Nach einem Moment bin ich ihr wohl ruhig genug, sie fängt an zu erzählen. Schweigend höre ich zu. Dann frage ich sie, denn ich kann mir viele Dinge nicht mal ansatzweise vorstellen.

Was für mich ganz selbstverständlich ist, war in ihrem Leben, ganz anders. Arztbesuche, zum Beispiel. Ich bin krankenversichert und kann zum Arzt gehen. Bei ihr mußte dann ein Arzt kommen. Natürlich kein normaler Arzt, es war ein Arzt, der keine Fragen stellt, warum er bar bezahlt wird und die benötigten Medikamente selbst besorgt statt ein Rezept auszustellen.

Einmal war sie draußen unterwegs, hatte einen Unfall und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Natürlich hatte sie keinerlei Papiere bei sich. Als sie wieder zu sich kam, hätte sie im Krankenhaus um Hilfe bitten können, nach Polizei und Jugendamt fragen können. Sie hat es nicht getan. Noch bevor ich fragen kann, erklärt sie, warum sie es nicht tat. Sie hatte Angst. Angst, daß der Zuhälter sie findet. Ich frage, wie er sie hätte finden sollen. Sie weiß es auch nicht. Sie hat nie herausgefunden, woher er wußte, daß sie überhaupt im Krankenhaus war und in welchem. Er gab sich dann als ihr Onkel aus, gab vor, Ausländer zu sein, der hierzulande nicht krankenversichert sei, bezahlte die Behandlungskosten bar und das Krankenhaus stellte keine Fragen. „Wenn er mich dort so schnell findet, dann findet er mich überall, dachte ich damals.“

Ich schweige. Sie hat recht. Pferde strahlen wirklich viel Ruhe aus. „Ich bin gerne hier, Reiten wird hier als eine Art Therapie angeboten. Auf dem Pferderücken zurück in ein normales Leben.“ Sie lacht. Danach sitzen wir wieder schweigend nebeneinander auf dem Strohballen.

Langsam spüre ich die Kälte in mir aufsteigen. Ich hätte mich wärmer anziehen sollen. Aber konnte ich denn ahnen, daß ich mich draußen rumtreiben würde? „Du hast recht, laß uns wieder nach hause gehen.“

Schon im Stall war es kalt, aber hier draußen kühlt mich der Wind noch zusätzlich aus. Ich freue mich, bald wieder im Wohnheim zu sein. Als wir dort wieder ankommen, merke ich erst, wie ausgekühlt ich bin, ich hatte weder eine Mütze auf noch eine dicke Jacke an. Sie verschwindet irgendwohin, ich gehe in den Besuchsraum und wärme mich langsam auf.

Nach einer kleinen Weile betritt sie den Raum. „Ich hab uns was zum Aufwärmen mitgebracht. Tee magst Du ja nicht so gerne, deshalb ist es diesmal warmer Kakao.“ Ich stutze. Hatte ich ihr gesagt, daß ich keinen Tee mag? Hatte ich nicht. Ich hatte ihn auch brav ausgetrunken. Kann sie meine Gedanken lesen? Blödsinn! Aber woher weiß sie das alles? Als schien sie auch diese Gedanken zu erlesen fällt sie mir in meinen gedanklichen Monolog. „Ich bin verdammt gut darin, herauszufinden, was Männer wollen, war ein Teil meines Jobs.“

Ich weiß das, sie hatte es bereits einmal berichtet. Ich spüre, daß sie diese Fähigkeit auch auf mich anwendet. Dieses Gefühl befremdet mich. Ich stelle mir die Frage, als was sie mich wohl ansehen mag. Nein, eigentlich will ich diese Frage nicht beantwortet haben, weder von mir selbst noch von ihr. Sie setzt die Tasse an, will gerade etwas trinken. Ich ärgere mich über mich selbst, daß ich mir diese Frage gestellt habe, ärgere mich, daß ich sie heute besucht habe. Sie will beim Trinken etwas sagen, verschluckt sich. „Verschluck Dich nicht“ entfährt es mir.

„Ich habe in meinem Leben schon oft genug schlucken müssen“ antwortet sie, während die hustet. Noch ehe ich mir über eine mögliche Mehrdeutig dieser Bemerkung klarwerden kann, setzt sie nach. „Für viele Männer war ich nur ein Mülleimer, in denen sie ihre kranke Seele ausleeren konnten.“ Ich nicke. „Irgendwann wird Dir klar, was Du in so einem Leben alles nicht hast. Keine Freunde, keine Freiheit, keine Familie, ach und noch so vieles mehr alles nicht. Das zieht dich einfach nur runter, wenn Du drüber nachdenkst. Ich hab mir dann vorgestellt, das wäre wie bittere Medizin, schnell runterschlucken und alles wird wieder gut.“

Ich spüre wieder die Brüchigkeit in ihrer Stimme. Ich bin fast sicher, daß sie Tränen in den Augen hat. Instinktiv stehe ich auf, möchte sie in den Arm nehmen und trösten. Noch bevor ich sie berühre, halte ich inne. Ich darf sie nicht berühren. Es ist besser für sie. Sie wird meine Geste auch so verstehen. Sie schnieft. „Danke!“

Nach einer kleinen Weile geht es ihr wieder besser. „Danke, daß Du mich nicht in den Arm genommen hast.“ Ich verstehe, was sie mir sagen will. Viele Männer haben sie angefaßt. Auf Arten und Weisen, die man nur als eklig bezeichnen kann. Sie hat dann gelernt, automatisch abzuschalten. Bei Berührungen von Männern fühlt sie bestenfalls nichts, schlimmstenfalls Ekel und Widerwillen. Sie hat keine Ahnung, ob das jemals wieder anders werden wird. Es kann gut sein, daß sie dieses Abschalten nie wieder verlernen wird, Radfahren und Schwimmen verlernt man ja schließlich auch nicht. Mir fehlen die Worte. „Mit einer Freundin habe ich schönere Momente, als ich sie jemals mit Männern hatte.“ Ein schwacher Trost.

Sie gähnt. „Es ist schon spät.“ Sie hat recht. Ich habe über vieles nachzudenken. „War super-lieb von Dir, daß Du heute hier warst. Du bist echt nett zu mir.“ Ich freue mich. Aus ihrem Mund ist das ein ganz besonderes Kompliment. „Vielleicht magst Du beim nächsten Besuch mit mir ausreiten?“ Ich nicke. Ich und reiten? Hilfe! „Gerne“ höre ich mich sagen. Na, das kann ja was werden.

Sie wünscht mir noch einen guten Rutsch ins neue Jahr und verspricht mir, sich wieder bei mir zu melden. Ich freue mich auf ihren Anruf.

(Dieses Gespräch fand heute abend bei ihr im Wohnprojekt statt. In irgendeiner norddeutschen Kleinstadt.)

„James Brown is dead“

„James Brown is dead“ so wurde es vor Jahren in einem Musikstück besungen. Der Totgesagte nahm es mit äußerster Gelassenheit. So lebendig wie James Brown war kaum ein anderer Künstler auf der Bühne.

Aber irgendwann holt der Tod jeden von uns, auch einen James Brown. Er verstarb vor wenigen Tagen.

Ich ärgere mich, seinen Auftritt in Hamburg verpaßt zu haben. Was ist schon eine Audienz beim Papst, wenn man ein Konzert beim „Godfather of Soul“ hätte haben können?

Die drei vier Jahreszeiten

Frühjahr, Sommer, Herbst und Frühjahr Winter.

Wer dachte, der Winter bliebe aus, wurde vor ein paar Tagen eines Besseren belehrt. Plötzlich lag doch Schnee.

Eine gute Gelegenheit, mal wieder Grünkohl zu machen…

Wort des Tages

Vor ein paar Tagen geisterte mal wieder der Vorschlag eines generellen Tempolimits auf Autobahnen durch die Medien. Die Standpunkte von Befürwortern und Gegnern sind bekannt und werden alle Jahre wieder vorgebracht.

Schön fand ich in diesem Zusammenhang die Aussage:

„Mancher Pkw hat mehr Pferdestärken als mehrere Kavallerieregimenter zusammen.“

Und mache ihn daher zum Wort des Tages.

Unheimliche Begegnung — Teil 2

Ich hatte ihr versprochen, daß ich zuhöre, wenn sie mir etwas erzählen möchte. Sie hat noch viel zu erzählen. Also fahre ich wieder zu ihr. Diesmal verfahre ich mich nicht und finde ich den Weg auf Anhieb. Ich durchlaufe die vorgeschriebene Prozedur, die alle Besucher über sich ergehen lassen müssen, die Anmeldung wird überprüft, ich werde in das Besucherbuch eingetragen und muß meinen Ausweis abgeben. Beim letzten Besuch war das genauso, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Merkwürdig.

Ich werde wieder in den Besucherraum gebeten, setze mich auf das Sofa. Die Kerze wird entzündet, dann bin ich alleine im Raum und das Licht geht aus. Sie betritt den Raum, bedankt sich für meinen Besuch. Dabei müßte ich mich bei ihr für ihr erneutes Vertrauen bedanken.

Sie setzt sich, fragt mich, wie es mir ginge. Ich überlege meine Antwort. Unser Gespräch war eine absolute Ausnahmesituation, die mich tief bewegt hat. Ihr fiel unser Gespräch leichter. Für sie ist es die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Wenn ich ihr helfen kann, indem ich ihr zuhöre, dann will ich das gerne tun.

Sie beginnt. Ihre Situation ist mir fremd und wird es immer bleiben, zu unterschiedlich sind die Erfahrungen, die wir machten. Sie möchte mir einen Eindruck vermitteln, wie sie sich in jener Zeit fühlte. Hatte sie bei unserem ersten Gespräch den Schwerpunkt eher auf die äußere Handlung, also das, was ihr physisch angetan wurde, gelegt, möchte sie nun erzählen, was in ihrem Inneren vorging. Das Thema ist schwierig, keine Frage.

Sie berichtet über ihr Verhältnis zu ihrem Zuhälter. Sie nennt ihn nicht so, sie verwendet immer einen anderen Ausdruck. Er war alles, was sie hatte. Er hatte es geschafft, ihr Freund, Vater, Geliebter und einzige wirkliche Bezugsperson zu sein. Ich versuche zu verstehen, es gelingt mir aber nicht. Sie zeichnet ein Bild der raffinierten Konstruktion, mit der er sie in seiner Abhängigkeit gehalten hat. Sie und die anderen Mädchen. Wer tat, was erwartet wurde, bekam Streicheleinheiten für Körper und Seele.

Einmal hat sie überlegt, ihren Zuhälter umzubringen. Sie war nachts in die Küche geschlichen, hatte dort ein Messer gefunden und ist in das Schlafzimmer des Zuhälters gegangen. Dann stand sie vor seinem Bett, das Messer in der Hand. Sie zögerte, hat nicht zugestochen. Er wachte auf. Die Situation ließ wenig Spielraum für Interpretationen. Sie schilderte dann auch die Strafe, die sie bekommen hatte. Es gab keine Prügel, es gab Entzug der wenigen Freiheiten, die sie hatte. Sie durfte die Arbeitswohnung nicht mehr verlassen, nachts wurde die Küche abgeschlossen. Doch am schlimmsten sei gewesen, daß er ihr seine Aufmerksamkeit entzogen hatte, sie mit Mißachtung strafte. Diese psychische Bestrafung sei schlimmer als körperliche.

Ich frage nach, wie alt sie damals war. Sie war schon 14, also schon strafmündig. Ich bin kein Jurist, weiß nicht, ob das noch Notwehr wäre oder ob mal für solche Tat jahrelang ins Gefängnis käme. Viel wichtiger als eine strafrechtliche Würdigung erscheint mir, daß sie ihr Gewissen nicht mit der Tötung eines Menschen belastet hat.

Vorsichtig frage ich nach, wie sie das heute empfindet. Sie ist hin- und hergerissen. Sie hat sich diese Frage viele Male gestellt. Sie ringt mit sich, ist dann aber am Ende doch froh, daß sie es nicht getan hat.

Ich höre ein leichtes Klappern von Geschirr, sie fragt mich, ob ich auch einen Tee möchte. Ehe ich antworten kann, daß ich keinen Tee mag, hatte sie sich vorgebeugt und mir eine Tasse Tee hingestellt. Einen kurzen Moment lang kann ich sie im Licht der Kerze sehen. Sie wirft mir einen flüchtigen Blick zu. Mir ist das fast peinlich. Sie lächelt. Es ist ein scheues, unsicheres Lächeln. Mir fällt auf, wie dünn sie ist. Ihr Körper wirkt zart, zerbrechlich. Als ob ihr Körper die Zerbrechlichkeit ihrer Seele nach außen sichtbar machen wollte.

Schweigend trinken wir den Tee. Ich lasse ihre Worte auf mich wirken, sehe dabei gedankenverloren in den dunklen Raum. Ich weiß, daß sie mich ansieht.

Dann steht sie auf, sagt, daß es für heute wohl genug sei. Ich sehe zu ihr, kann sie in der Dunkelheit gerade noch erkennen. Sie lächelt und wirft mir ein „Mach’s gut und bis demnächst irgendwann“ zu.

Ich melde mich wieder ab, bekomme meinen Ausweis zurück, wissend, daß ich mich nie an diese Prozedur gewöhnen werde.

(Dieses Gespräch fand vor ein paar Tagen im Begegnungsraum des Wohnprojektes statt. In irgendeiner norddeutschen Kleinstadt.)

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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