Archiv für August 2016

„Aber ich bin doch kein …“ – „Doch, bist Du!“

Der Mensch ist ja mitunter ein komisch‘ Wesen. Zum Beispiel immer dann, wenn die eigene Sicht auf Dinge von der allgemeinen Sicht auf Dinge gewaltig abweicht. Oder sich der Mensch so ganz anders sieht (oder sagen wir mal „sehen will“), als er gemeinhin gesehen wird.

Manche Menschen sind dann so sehr in ihrer eigenen Welt — oder moderner formuliert „Wahrnehmungsblase“ — gefangen, dass sie längst den Bezug zur Realität verloren haben. Das mag jetzt erstmal etwas abstrakt klingen, aber sehen wir ein paar Beispiele an, in denen sich Menschen selbst so ganz anders sehen wollen als sie eigentlich sind.

Ein Mann, Anfang 30, verheiratet, seine Ehefrau ist mit dem zweiten Kind schwanger, geht fremd. Das mag man moralisch bewerten wie man will, darum geht es mir hier nicht. Die außereheliche Affäre bleibt nicht ohne Folgen und er zeugt ein außereheliches Kind. Der junge Mann steht im Lichte der Öffentlichkeit, die davon sofort Wind bekommt. Unschöne Bilder von einer „Besenkammer“ gehen durch die Medien. Nun könnte man zu seinen Taten stehen, den Fehler, so man dieses Verhalten denn als solches ansieht, zugeben. Sich dann aber als „Opfer“ zu sehen und von „Samenraub“ zu sprechen, zeigt, dass sich da jemand lieber als Opfer denn als Fremdgeher oder „Täter“ sehen möchte.

Ein anderer Mann, Anfang 50, sieht sich als ein Diener, der Gott und den Menschen dient. Es gehört zu diesem Berufsbild, keine wesentlichen eigenen weltlichen Reichtümer anzuhäufen. Wozu auch, der Dienstherr kümmert sich ja um die Seinen. Nun, das hat dem Mann nicht ganz ausgereicht. Als es um den Bau seines Dienstsitzes ging, hat er wohl jeden Bodenhalt verloren. Hier noch ein Extrawunsch, da noch eine Änderung. Und jeder, der sich mit dem Thema auskennt, kann sich vorstellen, wie teuer es wird, wenn das Dach nochmal abgenommen werden muss, weil ein Kreuz eingebaut werden soll. So kam es, dass die Kosten für diesen Prunk- und Protzbau so extrem aus dem Ruder liefen, dass man eine Menge tun musste, um die Angelegenheit zu verschleiern. Das gelang nicht. Normalerweise jagt man den Verantwortlichen dann zum Teufel, aber bei seinem Arbeitgeber ist das etwas spezieller…

Eine Frau, damals Ende 20, lebt in der Öffentlichkeit und kann eigentlich auch nicht genug Öffentlichkeit bekommen. Gut, das muss jeder Mensch für sich entscheiden. Die junge Frau hatte dann mit zwei Männern Sex. Auch dass muss jeder Mensch für sich entscheiden. Die Männer machen Videoaufnahmen davon. Das hat der Frau nicht gefallen. Kann ich gut verstehen, ich möchte auch nicht bei allen Dingen meines Lebens aufgenommen werden. Die Aufnahmen landeten dann im Internet. Das hat die junge Frau dann angezeigt. Ihr damaliger Anwalt schreibt in die Anzeige, dass der Sex an sich einvernehmlich war, nur eben die Veröffentlichung nicht.

Viel später fällt der jungen Frau ein, dass es eine Vergewaltigung gewesen sein müsse, dass man sie unter K.O.-Tropfen gesetzt haben müsse und und und. Die Justiz prüft, sieht sich das gesamte beschlagnahmte Videomaterial an und kommt zu einem anderen Schluss. Die junge Frau kassiert einen Strafbefehl. Den will sie nicht akzeptieren und geht vor Gericht. Das ist ihr gutes Recht. Allerdings veranstaltet sie daraus ein riesiges Event. Keine Kamera, vor der sie nicht posiert, während sie den Gerichtssaal betritt. Vor der Tür skandiert ein Mob aus selbsternannten Unterstützerinnen und versucht, die Urteilsfindung lautstark zu beeinflussen. Inzwischen ist die junge Frau verurteilt, das Urteil ist Stand heute noch nicht rechtskräftig.

Eine unabhängige Justiz ist eine der besten Errungenschaften unserer Demokratie. Urteile sollten nicht auf der Straße abgestimmt werden. Zu leicht geraten Massen in Hysterie, steigern sich in Dinge herein und fordern dann Urteile, die sie am liebsten selbst verstrecken, den Strick in der Hand. Aber glücklicherweise sind die Zeiten einer Lynchjustiz vorbei.

Auch dass sich eine Ministerin zu einem laufenden Verfahren äußert, finde ich bedenklich. Eigentlich kann es da nur einen Kommentar geben:

„Zu laufenden Verfahren möchte, sollte und werde ich mich nicht äußern, um JEDEN Eindruck zu vermeiden, in die Unabhängigkeit des Justiz einzugreifen.“

Nun steht die Ministerin auf der Seite der jungen Frau, die vielleicht in Kürze rechtskräftig wegen falscher Anschuldigung verurteil wurde. Peinlich, so etwas!

Eine Journalistin, Anfang 70, die schon im Kachelmann-Prozess äußerst einseitig berichtet hatte, befürchtet nun, das Urteil sei ein Schwarzer Tag für alle Frauen. Bei Alice im Wunderland muss man nur dem weißen Kaninchen folgen, vor Gericht sollte man sich mehr Zeit nehmen, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Und ich finde es auch gut, dass sich das Gericht nicht von der Berichterstattung so mancher Medien beeinflussen ließ.

Manchmal höre ich Dialoge, die so wie diese sein könnten…

„Aber ich bin doch kein Fremdgeher, ich wurde Opfer von Samenraub…“
„Doch, bist Du. Und Du warst der Täter dabei!“

 

„Aber ich bin doch kein Protzbischoff…“
„Doch, bist Du! Deine Hütte wurde von unseren Kirchensteuern bezahlt…“

 

„Aber ich bin doch keine Schlampe, ich bin ein Opfer…“
„Doch, bist Du und Deine Show ist erbärmlich… und auch noch erbärmlich schlecht…“

Und als Freund von Verschwörungstheorien hörte ich, wie es mit der jungen Frau weitergehen könnte:

Als Profi-Aufmerksamkeits-Erreger wird die Frau erstmal alle Talkshows abklappern. Natürlich gegen entsprechende Honorare.

Vielleicht geht es in die nächste juristische Runde, aber irgendwann steht ein Urteil. Und vermutlich wird es nicht wesentlich anders aussehen als das jetzige.

Dann geht es medienwirksam in den Knast, weil die Geldstrafe natürlich NICHT gezahlt wird. Und ebenso medienwirksam wird die junge Frau den Knast wieder verlassen.

Dann wieder Talkshows, wieder gegen entsprechende Honorare.

Dann ein Buch über ihr Leben im Knast.

Dann Promi-Big-Brother oder Dschungel-Camp. Oder beides.

Aber irgendwann ist die Aufmerksamkeit verbraucht.

Dann erzählt sie uns vielleicht, sie wäre von Außerirdischen entführt worden. Ich bin sicher, ihr und ihrem Management werden schon Dinge einfallen…

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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