Archiv für April 2018

Mikroprozessortechnik macht’s möglich

Menschen neigen dazu, die bestehenden Dinge (mehr oder weniger) linear fortzuschreiben und so die Gegenwart in eine mögliche Zukunft zu prognostizieren. Dass sich mit der Einführung nicht nur bestehende Dinge schneller, besser, preiswerter erledigen lassen, dass eben auch manchmal Dinge möglich werden, die vorher nicht möglich waren, sei es überhaupt nicht möglich oder theoretisch möglich, dann aber zu Preis und Aufwand, der die Anwendung verbot, das wird gerne übersehen. Hier ein paar Beispiele aus meinem Leben.

Beispiel 1:
Wir hatten in der Firma einen großen Drucker. Früher wurde so etwas als Plotter bezeichnet, aber die Zeiten, in denen ein Gerät in der Größe eines Billardtisches Papier auf einer Fläche fixierte, dann mit einem Stift Linien aufs Papier zog, sind lange vorbei. Heute hat man Tintenstrahldruckköpfe. Und das Gerät ist auch deutlich kleiner geworden. Es konnte Papier im Format DIN A1 bedrucken. Dabei musste man das Papier aber per Hand einlegen. Und da ging das Problem schon los. Egal, wie genau man es einlegte, das Papier war nie so ganz gerade, so dass der Ausdruck immer etwas schief auf den Papier ankam.

Das alte Gerät war in die Jahre gekommen, der Zahnriemen, der den Schlitten mit den Druckköpfen bewegte, war nun schon zum zweiten mal verschlissen, der IT-Chef erinnerte sich, dass die Reparatur damals ein gefühltes Vermögen gekostet hatte und entschied, dass das Gerät, wenn auch nicht an Ende der technischen, dann aber am Ende der wirtschaftlichen Lebensdauer angelangt sei. Und weil gerade etwas Geld im Budget vorhanden war und es aus anderen Gründen wünschenswert par, Plakate auch im Format DIN A0 (also doppelt so großes Format wie DIN A1) bedrucken zu können, durfte es ein Großgerät werden.

Und genau hier kam ich ins Spiel: Ich durfte dann mal recherchieren, welches Gerät es sein sollte und den IT-Chef dann entsprechend überzeugen. Da ich mit einem Zweibuchstaben-Druckerhersteller gute Erfahrung gemacht hatte, sah ich mich zuerst dort um. Und eines war mir klar: Nie wieder Einlegen von Papier per Hand, das Papier musste von der Rolle kommen. Geräte in dieser Klasse Druckbreite 36 Zoll sind Profigeräte und kommen mit den üblichen Schnittstellen. Solche Geräte schließt man nicht mal eben an den eigenen PC an (auch wenn man das per USB oder WLAN könnte), solche Geräte hängen per LAN am firmeneigenen Druckserver. Also alles da, was man braucht. IT-Chef überzeugt, ein paar Rollen Papier und ein paar Sätze Tintenpatronen  gleich mitbestellt und dann…

Tage später kam das Monster dann. Und Monster ist keine Übertreibung. Der Karton ließ sich dann mit zwei Mann grad so heben, Papierrollen in 36 Zoll-Länge wiegen auch einiges. Dann kam der eigentliche Spaß: Auspacken, Aufbauen und Inbetriebnahme. Endlich mal wieder richtige IT, so richtig zum anfassen. Und dann zum ersten mal Papiereinlegen: Rolle aus der Schutzfolie, in den Rollenhalter einlegen, am Bedienfeld des Druckers auf „Papier von Rolle laden“ tippen und mit einem dezenten Surren wird das Papier eingezogen.

Und auch gleich wieder entladen. Enttäuschte Gesichter der Umstehenden, denn auch der IT-Chef wollte zusehen. Wieder ein Surren, das Papier wird wieder eingezogen, wieder entladen, wieder eingezogen, diesmal blieb es. Des Rätsels Lösung ward schnell gefunden. Das Gerät prüft, ob das Papier von der Rolle auch exakt gerade geladen wurde. Falls nicht, dann erneut erfolgt ein erneutes Laden. Ich war beeindruckt. Das Gerät hat dann die vordere Seite des Papiers mit dem Schneider beschnitten und meldete dann Druckbereitschaft.

Schnell war auch der Drucker auf dem Server eingerichtet, der Drucker freigegeben und der erste Benutzer durfte sich den Drucker installieren. Dann der erste richtige Druckauftrag. Der Drucker legte los und mit einer fast schon affenartigen Geschwindigkeit brachte er einen zweifingerbreiten Streifen Farbe auf das Papier. Dann die nächste Überraschung: Der Druckkopf fuhr zurück, fuhr erneut über das eben bedruckte Papier. Er maß, wie schnell die gedruckte Menge Tinte bei aktueller Temperatur und eingelegten Papier trocknete, berechnete danach die Druckgeschwindigkeit für den weiteren Ausdruck und druckte dann in eben jeder Geschwindigkeit weiter.

Wir waren begeistert. Und dass der Drucker jemals dazu genutzt wurde, um heimlich Pferdebilder in DIN A0 auszudrucken, ist nur ein böswilliges Gerücht.

Beispiel 2:
Früher brauchte es einen Notarzt, der ein EKG auswerten konnte, um dann mit einem Defibrillator dem Herzen bei Herzstillstand oder Kammerflimmern den entsprechenden Anstoß zu geben. Erst gab es die Möglichkeit, dass das Rettungspersonal die Ergebnisse des EKGs per Funk an den Arzt ins Krankenhaus übertrugen, der Arzt entschied dann über den Einsatz des Defis. Dann kamen halbautomatische Geräte, die das Rettungspersonal einsetzen könnte. Nun hängen an vielen Stellen AED. Diese Geräte sind auch für Laien zu bedienen und retten so manches Menschenleben. Sie analysieren das abgenommene EKG, entscheiden dann, ob, wann und wie stark der Anstoß für das Herzen sein soll.

Wo es früher noch einen ausgebildeten Notfallmediziner brauchte, schafft es heute ein Gerät mit Mikroprozessoren. So können wertvolle Menschenleben gerettet werden.

Beispiel 3:
Früher war die Technik bei Automoren recht einfach und überschaubar: Es gab einen Vergaser und eine elektromechanische Zündanlage. Mit dem Gaspedal wurde der Vergaser gesteuert, die Drehzahl beeinflusste den Zündzeitpunkt (je höher die Drehzahl, desto früher muss die Zündung erfolgen, da der (chemische) Verbrennungsprozess eine gewisse Zeit benötigt.

Dann kamen Motorsteuerungen mit Kennfeldzündungen und -einspritzanlagen. Der Fahrer teilt per Gaspedal den Leistungswunsch mit, das Steuergerät misst die Temperatur des Motors und angesaugter Luft, kennt die Drehzahl, die aktuelle Lastsituation des Motors, manchmal auch die Kraftstoffqualität und wählt danach die jeweils beste Einspritzmenge und den richtigen Zeitpunkt dafür und auch den Zündzeitpunkt.

Das klingt ganz furchtbar kompliziert. Ist es in der Theorie auch. In der Praxis sind diese Geräte jedoch enorm zuverlässig und praktisch wartungsfrei. Und wenn ich vergleiche, das jemand mit seinem VW-Käfer (halb soviel Leistung wie mein Panda) doppelt soviel verbrauchte mein Panda, dann freue ich mich über meine moderne Technik.

Fazit:
Mikroprozessortechnik macht Dinge (überhaupt erst) möglich oder bezahlbar. Und wenn man sie erstmal hat, mag man sie nicht mehr missen.

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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