Archiv für März 2019

Sommerzeit oder Winterzeit oder beides?

Derzeit läuft mal wieder eine Diskussion über die Abschaffung oder Beibehaltung der Zeitumstellung. Eigentlich gibt es diese Diskussion jedes Jahr, doch diesmal ist es anders.

Die EU hat eine „Abstimmung“ durchgeführt. Von den ~500 Millionen Einwohnern haben ~5 Millionen „abgestimmt“, also ein Prozent. Bei einer „Wahlbeteiligung“ von 1% kann man schwerlich von einem demokratisch legitimiertem Prozess reden.
Dazu kommt, dass diese „Abstimmung“ per Internet durchgeführt wurde und viele Menschen nicht die Möglichkeit hatten, an einer so durchgeführten „Wahl“ teilzunehmen.

Auswertungen der abgegebenen „Stimmen“ ergaben, dass von den ~5 Millionen abgegebenen „Stimmen“ gut 4 Millionen aus Deutschland stammten. Von einer breiten Zustimmung aus der gesamten EU kann also noch weniger die Rede sein.

Trotzdem wird man nicht müde, über Sinn und Unsinn nachzudenken. Hier ein paar von meinen Ansichten:

Früher, so vor 200 Jahren, war die Welt einfach. Der Tag hat insgesamt 24 Stunden, Tagesmitte, also 12:00 Uhr, war, wenn die Sonne (am Ort der Beobachtung“ am höchsten stand. Das war relativ einfach zu messen und entsprechend wurde die Uhr(en) des Ortes gestellt. Da damals kaum jemand eine eigene Uhr hatte, war es meistens nur die Kirchturmuhr. Ihre Aufgabe war es, die Menschen zur Gebet zu rufen und ansonsten die allgemeine Zeit anzuzeigen. Ging die Uhr nicht ganz genau, dann war das nicht so schlimm, denn was sind schon ein paar Minuten Abweichung, geht es um Gottes immerwährende Gnade und die Ewigkeit im Paradies? 🙂 Eben.

Im Nachbardorf, ein paar Kilometer weiter westlich oder östlich, passierte das gleiche, jedoch nicht zum selben Zeitpunkt. War es in A-Dorf genau 12:00 Uhr, war es in B-Dorf etwas später (oder früher), je nach dem, wie viel westlicher (oder östlicher) B-Dorf lag.
Für das tägliche Leben spielte das keine Rolle.

Dann passierten zwei Dinge, und alles änderte sich: Die Eisenbahn und der Telegraph wurden eingeführt. Erstere erlaubte Reisen über (relativ) weite Entfernungen in (relativ) kurzer Zeit. Und da war es für die Betreiber von Eisenbahnen einfacher, in den Fahrplänen eine Zentralzeit und nicht die lokale Zeit der jeweiligen Orte zu verwenden. Der Telegraph machte die Übermittlung einer Zentralzeit möglich. Nun wurde an einer zentralen Stelle im Fürstentum die Zeit bestimmt und dann in alle Orte verteilt. Dass die Sonne in A-Dorf nun nicht mehr um genau 12:00 Uhr den höchsten Stand erreichte, war zu vernachlässigen, denn die Ort-West-Ausdehnung des Fürstentums war gering, damit auch der Unterschied zwischen den lokalen Zeiten und der Zentralzeit. Die Menschen konnten damit leben, den allermeisten ist es wahrscheinlich nie aufgefallen.

Später wurde aus vielen Fürstentümern dann ein Königreich, die Eisenbahn fuhr durch das ganze Königreich, der Telegraph verteilte die Zentralzeit durch das ganze Königreich und die Unterschiede in den lokalen Uhrzeiten zwischen Orten ganz im Osten und ganz im Westen wurden größer. Auch damit konnten die Menschen leben, den allermeisten ist es wahrscheinlich nie aufgefallen.

Noch später wurde ein den einzelnen Königreichen ein großes Reich mit einer recht großen Ausdehnung und der Unterschied zwischen den einzelnen lokalen Zeiten und der Zentralzeit wurde schon erheblich, aber man ‚einigte‘ sich — eher: es wurde staatlicherseits festgelegt — auf die Zentralzeit.

An dieser Stelle sei mir etwas Geografie erlaubt: Die Erde ist (annähernd) eine Kugel und die ist ein 360° aufgeteilt. In Nord-Süd-Richtung beginnt die Zählung beim Äquator mit dem 0° Breitengrad, steigt dann bis zu den Polen (90° Nord bzw. Süd), auf der anderen Seite des Kugel das selbe. In Ost-West-Richtung haben wir einmal den Null-Meridian und von dort aus geht es 180° nach Osten bzw. nach Westen.
Ein Tag hat 24 Stunden, in denen sich die 360° der Erdkugel unter der Sonne hindurchdrehen, also legt man für alle 15° eine Zeitzone fest, die sich (meistens) um eine glatte Stunde von der Zeitzone 15° weiter östlich oder westlich unterscheidet.
Man kann es auch anders sehen (oder rechnen): 1° bedeutet einen Unterschied der lokalen Zeit von 4 Minuten.

Als Deutschland noch eine größere Ost-West-Ausdehnung hatte, betrug der Unterschied zwischen Königsberg (20°E) und Aachen (6°E) ziemlich genau 14°, also 56 Minuten. Inzwischen ist Deutschland kleiner geworden, die östlichste Stadt ist Görlitz (15°E), ihr Unterschied zu Aachen beträgt 36 Minuten.
Telefoniert ein Mensch aus Görlitz mit einem aus Aachen, dann ist es beim einen morgens schon deutlich heller oder abends schon deutlich. Gut, bei 36 Minuten kann man auch noch darüber hinwegsehen.

Denken wir jetzt mal weniger national und mehr europäisch: Europa, genauer die EU. Die Ost-West-Ausdehnung ist erheblich von (Ost-) Griechenland (26°E) bis (West-) Portugal (9°W) sind es 35 Breitengrade, also etwas mehr als 2 Stunden unterschied in den lokalen Ortszeiten. Und genau jetzt wird es spannend. Bleibt man bei einer Zentralzeit, dann hat einer der beiden Orte immer die Arschkarte gezogen. Ist die Zeit richtig für den einen Ort angepasst, dann stimmt sie für den anderen Ort nicht.

Oder aber, man wechselt zweimal im Jahr die Zentralzeit und nutzt es aus, dass es im Sommer früher hell wird. Dann stellt man die Uhr im Frühling eine Stunde vor. Und im Herbst eben wieder zurück. So kann man sowohl den Belangen von Menschen tief im Osten und tief im Westen Rechnung tragen.

Ich habe nichts davon, dass es im Hochsommer schon um 4:00 Uhr hell wird, da schlafe ich noch. Dafür wäre abends eine Stunde mehr Sonnenlicht klasse.

Und was das Gemaule von Menschen angeht, die nach jeder Zeitumstellung immer „Monate“ brauchen… Meistens frage ich sie, wo sie Sommerurlaub machen. Schnell geht es mit dem Flugzeug in ferne Länder. Meine Frage, ob die Zeitumstellung da nichts ausmache, wird meistens abgetan. Aber wenn hier die Zeit umgestellt wird, dann soll es so ein Problem sein? Mimimimi!

Eine Freundin ist Landwirtin, da sie weiß, wann die Zeit umgestellt wird, kann sie ein paar Tage vorher anfangen, ihre Tiere daran zu gewöhnen und die Fütterung etc. 5 Minuten anpassen. Nach eigener Aussage ist das für die Tiere kein Problem. Sie reagieren eher auf den Menschen mit dem Futtereimer als auf die exakte Uhrzeit, 5 Minuten eher ist da absolut kein Problem.

Und was das Umstellen der Uhren angeht: Die allermeisten Geräte stellen sich automatisch um: Der Computer bezieht seine Zeit aus dem Internet oder weiß die Umstelldaten und stellt sich bei Offline-Betrieb selbst um. Mobilgeräte wie Smartphones etc. beziehen die Uhrzeit vom Netzbetreiber. Auch unser Funkwecker stellt sich um.
Nach jeder Umstellung gehe ich einmal durch meine Wohnung und kontrolliere die Uhren, die Uhren, die einen kleinen Schubs brauchen, bekommen ihn. Dauert keine 5 Minuten. Dafür habe ich — gerade im Hochsommer — deutlich mehr Lebensqualität, für die ich dankbar bin.

Und Menschen, die mit so wenig Veränderung so große Probleme haben, sollten auch nie den Kalender um einen Tag weiterstellen. Oder sich beerdigen lassen. Da gibt es dann Ewige Ruhe und keine Zeitumstellung mehr.

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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