Datenverlust mit unerwarteten Folgen

Manche Geschichten, die einem erzählt werden, sind viel zu schön, um sie nicht festzuhalten. Diese Geschichte widerfuhr einem Bekannten.

Ich war damals Admin in der Firma, hatte eine recht große Wohnung in sehr zentraler Lage, einen Katzensprung von der Fußgängerzone entfernt, meine damalige Freundin zog so nach und nach bei mir ein.

Ich hatte ein paar Tage frei, eine junge und zugegebenermaßen sehr ansehnliche Kollegin aus der Buchhaltung kam auf einen Kaffee vorbei. Sie war wirklich nur Kollegin. Denn erstens hatte ich eine Frau gefunden, mit der es ernst genug wurde, daß man so nach und nach an gemeinsames Wohnen denken konnte. Und zweitens war ich damals reif erfahren genug, um zu wissen unter Schmerzen gelernt zu haben, daß man in der eigenen Firma nicht wildert.

Jedenfalls kam die Kollegin vorbei, trank gerne die italienische Kaffeespezialität, die aus dem damals noch sündhaft teuren Kaffeevollautomaten stammte — ich arbeite in der IT, wir werden mit Kaffee betrieben — und berichtete den Büro-Tratsch, den ich die letzten Tage verpaßt hatte. Wir hatten dabei eine neugierige Zuhöhrerin, meine Katze kam vorbei, hoppste aufs Sofa, auf dem die Kollegin saß, ließ sich bekuscheln, stolzierte dann auch auf der Lehne herum … und stuppste dabei die Handtasche, Modell großer Beutel aus Leder, vom Sofa.

Die Handtasche kippte beim Herunterfallen aus, die Mieze erschreckte sich, suchte das Weite und die Kollegin klaubte dabei alles, was auf den Boden gefallen war, wieder auf und stopfte es in die Handtasche. Alles, nein, nicht ganz, eine kleine, jedoch nicht unbedeutende Sache hatte sie nicht erwischt und damit begann das Unglück — na eher Beinahe-Unglück — seinen Lauf zu nehmen.

Viele Wochen später, ich hatte den Besuch der Kollegin schon fast wieder vergessen, war meine Freundin fast komplett bei mir eingezogen. Und wie Frauen so sind, mußte sie meine Wohnung nach ihren Vorstellen umkrempeln stilistisch optimieren, wobei sie auch mal das Sofa verschob. Dabei fand sie einen kleinen USB-Stick, der unter dem Sofa verschollen war. Und neugierig, wie Frauen sind, hat sie den mal in ihren Laptop gesteckt.

Der Laptop fragte dann, ob er die Bilder, die auf dem USB-STick waren (sonst war nichts drauf), gleich anzeigen sollte. Meine damalige Freundin bestätigte das und sah … die junge Kollegin aus der Buchhaltung. So wie die Natur oder der liebe Gott sie erschaffen hatten und was ihr Tätowierer und Piercer daraus gemacht hatten. Es waren Bilder, die man sonst nur in Hochglanzmagazinen findet: Erotische Nacktbilder, toll ausgeleuchtet, ästhetisch fotografiert, kurzum, die Sorte von Bildern, die viele junge Frauen machen lassen, um viele Jahre später der Tochter, Enkeltochter oder Urenklin zu zeigen, die Mama, Oma oder Uroma damals mal ausgesehen hatte. Meine damalige Freundin hatte allerdings wenig Sinn dafür, sie erkannte die Kollegin, die beiden hatten sich auf dem Sommerfest der Firma kennengelernt, zählte eins und eins zusammen.

Kaum war ich abends nach Hause gekommen, durfte ich mich auch rechtfertigen, wieso ich Nackbilder von meiner Kollegin versteckt hätte. Ich verstand zunächst kein Wort, wurde dann aber mit den nackten Tatsachen und einem riesigem Haufen an Vorwürfen, unter dem sich meine Kollegin samt ihrer Blöße locker hätte verstecken können, überhäuft.

Die überaus ansehnlichen Tatsachen waren nicht zu übersehen und sprachen für sich. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, daß die Kollegin tätowiert und gepierct war, aber das war jetzt meine geringste Sorge. Ich versuchte nachzuvollziehen, was passiert war und wie es überhaupt hatte passieren können.

Ihren Besuch gab ich sofort zu, wieso auch nicht, immerhin war sie nur eine Kollegin und ich hatte gelernt einige wichtige Lektion gelernt: Wenn die Firma wie eine große Familie ist, die Kollegen und — vor allem — die Kolleginnen wie Brüder und Schwestern sind, wer will dann schon was mit der ‚eigenen‘ Schwester anfangen? Eben. Ich nicht (mehr).

Den Besuch hatte ich also zugegeben, aber den Rest konnte ich mir nicht erklären. Eines war (mir) jedoch sofort klar, ich hatte ihre Bilder und den USB-Stick nicht ‚versteckt‘. Ich hatte keine Veranlassung dazu, denn auf meinem NAS hätte ich dazu viel bessere Möglichkeiten. Und außerdem traue ich USB-Sticks nicht, was die Langzeitspeicherung von Daten angeht.

Ich versuchte mich zu erinnern: Sie hatte mich besucht, das war klar. Aber wie kam ein USB-Stick mit solchen Bildern unter mein Sofa? Stimmt, ihre Handtasche war umgekippt und der Inhalt ergoß sich auf den Fußboden. Der USB-Stick muß in ihrer Handtasche gewesen sein und beim Herunterfallen unter das Sofa gesprungen sein. Und beim hastigen Einräumen muß ihr der Stick entgangen sein. Hatte sie den nicht vermisst? Wieso nicht?

Ich hatte keine Erklärung. Jedenfalls nicht zunächst. Am nächsten Tag bat ich die Kollegin zu mir in das IT-Office, als meine Kollegen mal für eine Weile im Haus unterwegs waren. Die Kollegin erschrak sichtbar, als ich ihr den gefundenen USB-Stick in die Hand drückte. Sie wurde ziemlich bleich, als ich ihr sagte, daß sie den mal bei mir vergessen haben muß.

„Hast Du Dir die Bilder angesehen?“ fragte sie recht verschämt. Immerhin waren die Bilder nicht dafür bestimmt, daß sie Kollegen ansehen. „Ich mußte. Meine Freundin hat den USB-Stick gefunden. Unter dem Sofa. Und sie steckte ihn nichtsahnend in ihren PC. Und dann mußte ich mich rechtfertigen, wie ich zu solchen Bildern käme.“

So nach und nach klärte sich dann das Ganze: Sie hatte in ihrem Urlaub Bilder machen lassen. Und sie ein paar Tage später nach der Nachbearbeitung vom Fotografen abgeholt. Auf einem USB-Stick. Und der war tatsächlich unter das Sofa gesprungen, als die Handtasche ausgekippt war, nachdem meine Mieze der Handtasche einen sanften Schubs gegeben hatte. Irgendwann abends hatte sie bemerkt, daß der USB-Stick nicht mehr da war. Sie hatte vermutet, daß sie den bei mir verloren haben könnte, wollte mich aber nicht nicht darauf ansprechen. Hätte ich den USB-Stick gefunden, hätte ich mich bei ihr gemeldet. Weil ich sie nicht angesprochen hatte, wollte sie keine vermeintlichen schlafenden Hunde wecken, holte sich die Bilder erneut vom Fotografen und vergaß — oder ist „verdrängen“ der bessere Ausdruck? — das Ganze.

Bis eben dieser dumme Zufall passierte.

Diese Erklärung präsentierte ich dann abends meiner damaligen Freundin. Es war die Wahrheit und Ehrlichkeit ist prima: Man muß sich keine komplizierten Lügen ausdenken, die Wahrheit ist schon kompliziert genug und wird einem auch nicht unbedingt geblaubt.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Wogen glätteten, die Kollegin kein leichtrotes Gesicht mehr bekam, wenn wir uns in der Kaffeküche begegneten…

Er und ich sind uns einig: Solche Geschichten schreibt nur das Leben.

Seine damalige Freundin ist inzwischen seine Ehefrau, die beiden wohnen jetzt allerdings mit ihren Kindern auf dem Land. Da kommt dann auch nicht mal eben eine Kollegin auf einen Kaffee vorbei 😉

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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