Der ungewöhnlichste Nebenjob

Auf Partys trifft man ja manchmal viele Leute, die man noch nicht kennt. Und je nach eigenem Geschick (oder dem der anderen Menschen) finden sich Themen, über die man sich unterhalten könnte. Klar, die Themen Wetter, Politik, Fernsehprogramm oder Fußball gehen immer, sind aber nicht immer ganz einfach, gilt es doch, hier gewisse Fettnäpfchen zu vermeiden.

Auf irgendeiner Party unterhielt ich mich in einem kleineren Kreis über die Nebenjobs, die wir einst als Schüler, Azubi oder Student hatten. Schnell wurde daraus eine Art Wettbewerb, wer denn den ungewöhnlichen Nebenjob hatte. Kellnern war so häufig vertreten, da war klar, damit ist kein Pokal zu gewinnen. Irgendwann war ich an der Reihe zu erzählen. Ich war „Diplom-Silologe“. Diese Bezeichnung verdankte ich dem damaligen Silomeister des Getreidesilos, in dem ich ein paar Sommer arbeitete. Wer als Student mehr als einen Sommer arbeitete, dem bezeichnete er als „Diplom-Silologen“, mit dieser Anrede verband er, dass man sich noch an vieles aus dem Vorjahr zu erinnern hatte, die Einarbeitung also entsprechend kurz ausfallen konnte. Und je mehr man konnte, desto besser und anspruchsvoller waren auch die Aufgaben, die man übernehmen konnte. Ich verwog dann Fahrzeuge, nahm mit einem Roboter-Kran Stichproben des Ladung, bestimmte diese in unseren Labor. Mit den Ergebnissen schickte ich dann den anliefernden Lkw-Fahrer zum Silomeister, der dann entschied, in welche Silozelle die Ware eingelagert wurde.

Ich wähnte mich schon als sicherer Sieger unseres kleinen Wettbewerbs als eine Frau zu erzählen begann:

Ich war Schönschreiberin. Ich arbeitete für eine Firma, deren Chef ein paar Eigenheiten hatte. Die Firma stellte Rechnungen, die wenig Rechnungspositionen enthielten, dafür waren die Beträge umso höher. Zum Beispiel „5 Beratertage (a 1.000DM) im Monat Juli 5.000DM“ und so weiter. Die Rechnungen kamen ganz normal aus dem System und dann kam ich ins Spiel. Der Chef hatte die Marotte, dass er gerne handgeschriebene Rechnungen auf feinem Papier verschicken wollte. Und natürlich auch in einem Umschlag aus feinem Papier, beschriftet in schöner Schrift. Und so gab er eine Anzeige auf, die mir einst in die Hände fiel. Ich schickte ein — er wünschte es ausdrücklich — handschriftliches Bewerbungsschreiben, wurde zum Gespräch eingeladen und bekam den Job. Ich durfte mir einen edlen Füllfederhalter kaufen und bekam dann einmal die Woche einen Stapel Ausdrucke, deren Inhalt ich dann in meiner Handschrift zu Papier brachte. Am Anfang machte ich das in der Firma, später arbeitete ich dann am eigenen Schreibtisch.

Den Job hab ich jahrelang gemacht und mir damit ein gutes Zubrot verdient. Irgendwann war ich mit dem Studium fertig, arbeitete noch ein paar Monate übergangsweise in der Firma und fing dann einen richtigen Job an. Den Füllfederhalter, den mir der Chef einst kaufte, durfte ich behalten. Ich habe ihn heute noch und schreibe sogar damit.

Wir alle waren uns einig, dass ihr Nebenjob alles übertraf, was wir an dem Abend gehört hatten.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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