Die Geschichte von „Schwabbel“

Manch Geschichte, die man erlebt oder erzählt bekommt, ist viel zu schön, um sie nicht aufzuschreiben oder weiterzugeben. So auch diese hier. Wie bei vielen mündlich überlieferten Geschichten, ist hie und da die eine oder andere Einzelheit verloren gegangen oder hinzugekommen, aber das macht nichts.

Sie hieß mit Nachnamen Schwab, an ihren Vornamen kann sich wohl kaum einer erinnern, kam aus Schwaben, sprach Schwäbisch als Muttersprache und Deutsch als erste Fremdsprache. Und als sie an die Schule kam, war sie oft umgezogen, dabei hatte sie unterschiedliche Schulsysteme, Lehrpläne und Bundesländer kennengelernt und wurde auch mal von einer Klasse nicht in die nächsthöhere sondern woanders in die gleiche Klassenstufe versetzt. So kam es, daß sie älter als ihre Mitschüler war. Und deutlich fraulicher als ihre Mitschülerinnen. Das brachte ihr den Namen „Schwabbel“ ein. Und diesen Namen trug sie dann auch während ihrer restlichen Schulzeit.

Schwabbel war als Mensch der etwas breitere Typ, aber das hatte sie nie gestört, ihr Lächeln war Weltklasse, und ihre Formen erklärt sie irgendwann mal zu „sexueller Schwungmasse“ (bitte diesen Ausdruck schwäbisch ausgesprochen vorstellen). Auch wenn Schwabbel nicht sehr sportlich aussah, war sie es doch. Jedenfalls in den von ihr bevorzugten Sportarten. Sie war nie die Schnellste auf der Sprintstrecke, sie war sehr gelenkig und als Turnerin und Gymnastin unschlagbar. Ihren Titel als Königin des Schwebebalkens verteidigte sie jedesmal souverän.

Irgendwann bewarb sie sich um eine Lehrstelle, das erste Vorgespräch mit dem Abteilungsleiter lief sehr positiv, so daß sie zum Zweitgespräch eingeladen wurde. Dort waren dann auch der Chef und die Personalerin anwesend. Auch dieses Gespräch verlief sehr positiv … bis sie von der Personalerin — Typ dürre Ziege, die morgens eine halbe Scheibe Knäckebrot (trocken) ißt und sich danach bestimmt „fett“ fühlt — gefragt wurde, ob sie denn der anstrengenden Ausbildung gewachsen wäre bei ihrer Unsportlichkeit und dem Übergewicht.

Schwabbel stand wortlos auf, machte aus dem Stand einen Flickflack im Büro und dann im Spagat zu enden. Spagat ging bei Schwabbel auch ohne Aufwärmen, aufgewärmt war sie noch viel beweglicher. Dann stand sie auf, lächelte die Personalerin zuckersüß an: „Wenn Sie das nachmachen können, dann können wir beide uns ja mal über meine Unsportlichkeit unterhalten …“

Das Vorstellungsgespräch fand dann ein jähes Ende, aber das war Schwabbel egal. Sie wußte, wer sie ist, was sie kann und worauf sie keine Lust hat. Später meldete sich der Abteilungsleiter, entschuldigte sich wortreich und bot ihr vergeblich die Lehrstelle an.

Ich gebe zu, ich wäre bei dem Vorstellungespräch gerne dabeigewesen und hätte die Gesichter der Beteiligten gesehen. Später machte Schwabbel ein gutes Abitur, was aus ihr wurde, habe ich nie mehr erfahren und ich weiß auch nicht, ob sie ihren Spitznamen von einst noch heute trägt. Nicht jeder Spitzname ist ja geeignet, ihn ein Leben lang zu tragen oder tragen zu wollen.

Was mich an der Geschichte von damals — ich weiß nicht, wie lange es her ist, auf alle Fälle schon lange — noch heute fasziniert: Die Souveränität im Umgang mit den eigenen Formen. Manche (wirklich sehr) schlanken Frauen nerven sich und ihre Umwelt mit einer kleinen Speckschicht, die uns Männern eh nicht aufgefallen wäre, hätte man uns nicht um unsere Meinung gefragt.

Fazit: Mädels und Frauen, wir Männer achten viel eher auf Eure Gesichter als auf Euren Bauch, Po oder Schenkel. Also lächelt und fühlt Euch gut.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
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