Einer fuhr übers Kuckucksnest

Neulich war ich mal wieder unterwegs. Ich wollte streßfrei reisen und entspannt ankommen, ich fahre nicht mit dem Auto sondern mit der Bahn und sitze in einem Abteil. Irgendwo ein Oberleitungsschaden, die die Abfahrt des Zuges verzögert sich. Nur gut, daß meine Reiseplanung ausreichende Zeitreserven beinhaltet. Die Mitreisenden, ein Berater und ein EDV-Entwickler, bleiben ruhig. Der Berater kennt derlei Zwischenfälle schon, er fährt die Strecke jede Woche, ihn kann so schnell wohl nichts erschüttern. Der Entwickler zückt seinen Laptop und vertieft sich in Arbeit. Solange der Akku halten wird, ist er abgelenkt und wird seine Umwelt kaum wahrnehmen.

Warten. Nicht auf Godot sondern auf die Abfahrt, die sich immer weiter verzögern wird, bis sie am Ende 50 Minuten erreichen wird. Die ausliegende Lektüre ist schnell gelesen, die Zeitungen werden ausgetauscht. Langeweile beginnt sich auszubreiten. Führe der Zug doch endlich, dann könnte man den wechselnden Ausblick aus dem Fenster genießen. Aber er fährt nicht.

Ein Neuer betritt unser Abteil und entschuldigt sich dafür. Der Entwickler täuscht konzentriertes Arbeiten vor, der Berater und ich sehen den Neuen fragend an. Er sei geflüchtet, verrät uns der Neue, in seinem Abteil sitze ein Typ, der einfach nur unmöglich sei. Ein Typ wie ein Bär aber Babyschnuller im Mund und Nuckelflaschen dabei. Wir sehen den Neuen ungläubig an. Wenn man eine Reise tut, kann man bekanntlich was erleben, aber das klingt dann doch etwas sehr weit hergeholt. Bevor wir fragen können, unterbricht uns die Durchsage, daß der Zug nun endlich losführe und man uns bitte, die Verspätung zu entschuldigen.

Endlich, der Zug setzt sich in Bewegung und verläßt den Bahnhof. Der Neue ist froh, in unserem Abteil zu sitzen. Wir kommen ins Gespräch. Der Neue ist Vielfahrer und hat eine Menge Erlebnisse zu berichten. Die Buchstaben „DB“ stehen bei ihm nicht nur für „Deutsche Bahn“ sonden auch für Dauer-Belustigung. Auch wenn vielleicht nicht alle seiner Geschichten ganz wahr sein sollten, so sind sie doch gut erzählt und sorgen für amüsante Kurzweil. Mitten in einem Satz hält er inne. „Da kommt er. Wir verstehen nicht recht. „Na, er, eben“. Und da sehen wir schon den Grund für seine Flucht. Ein junger Mann, ich schätze ihn auf zwei Meter, hat tatsächlich einen Babyschnuller im Mund und schaut in unser Abteil. Wir beginnen zu rätseln, ob er nur auf Psycho macht, um sein Abteil für sich alleine zu haben, oder ob er wirklich als Kind von der Wickelkommode gefallen sei.

Nach und nach flüchten immer mehr der Reisenden aus seinem Abteil. Hätte er ein Abteil für sich alleine gewollt, dann wäre es jetzt am Ziel. Doch er geht durch den Gang, sieht in die Abteile und scheint seine ehemaligen Mitreisenden zu suchen. Wir beschließen, daß unser Abteil schon voll sei und signalisieren ihm das mit bösen Blicken. Wir sind froh, als er weiterzieht. Der Neue erheitert und mit weiteren Gesichten aus seinem Leben als Bahnkunde.

Viel zu schnell sind wir am nächsten Bahnhof und unser Abteil leert sich wieder. Schade, ich hätte gerne noch ein paar Geschichten gehört.

Abends im Zug zurück hatte ich ein 6er-Abteil für mich ganz allein, denn wegen eines Zwischenfalls hat die Bahn spontan einen Ersatzzug eingesetzt, der sehr leer war.

Übrigens: Trotz der 50 Minuten Verspätung hatte ich mein Ziel pünktlich erreicht.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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