Einschreiben, zwei Schreiben, drei Schreiben … viele Schreiben

Ein Hacker, so sagt man, macht einen Fehler nur einmal aus Versehen, danach mit voller Absicht. So hofft er Erkenntnisse zu gewinnen oder Vorteile zu erlangen.

Manchmal muss mal bewusst Fehler machen oder durch eigenes (korrektes) Verhalten dafür sorgen, dass woanders Fehler gemacht werden, um eben diese Fehler auszunutzen. So ähnlich geschah es auch in folgendem Fall, der schon lange zurückliegt.

Eine Person, nennen wir sie X, hatte etwas Kummer bei der Postzustellung, besonders bei Einschreiben. Entweder kamen diese überhaupt nicht an, falls sie doch ankamen, dann mit etwas Verzögerung und als normale Briefe, die Einschreiben-Aufkleber waren erkennbar abgefummelt. Ob das daran lag, dass der Postbote sie lieber in den normalen Briefkasten unten im Treppenhaus einwerfen wollte, statt die fünf Stockwerke Altbau, natürlich ohne Fahrstuhl, hinaufzusteigen und sie dort gegen Unterschrift abzugeben, wir wissen es nicht.

Die gute X war ob der Situation jedoch sehr angefressen, immerhin lebte sie als Selbständige (auch) von einer funktionierenden Postzustellung. Als ihr Unmut wieder einmal groß war, brachte Sie jemand auf folgende Idee: Wir schreiben Dir Briefe, genauer Einschreiben. Und wenn die dann „verlorengehen“ oder die Post nicht nachweisen kann, dass die Einschreiben ordnungsgemäß ankamen, dann legen wir Protest ein und kassieren nach ein paar Tagen die Entschädigung plus das eigentliche Porto.

X war skeptisch, ob das funktionierte, aber es funktionierte und nach ein paar Tagen sprach es sich rum, dass man X ein Einschreiben schicken muss, es nie korrekt ankommt, jedenfalls die Post das nicht nachweisen kann, und man dann eine nette kleine Entschädigung bekommt. Fünf Minuten Aufwand und dann (es ist lange her, ich weiß den genauen Betrag nicht mehr) 20€ Schadenersatz plus Porto für das Einschreiben. So kommt man auf einen anständigen Stundenlohn. Steuerfrei. Und immer mehr Menschen aus X’s Umfeld beteiligten sich daran und kassierten. Er wird erzählt, dass es knappe 30 Personen waren, die jeden Tag Einschreiben abschickten.

Irgendwann fiel jemand bei der zuständigen Stelle der Post auf, dass pro Woche mehrere tausend Euro Schadenersatzzahlungen gezahlt werden, weil Einschreiben bei einer bestimmten Adresse verlorengehen. Eines Tages klingelte es bei X an der Tür, ein junger Postbote, etwas außer Atem, stand vor der Tür: „Guten Tag, Frau X, ich habe hier ganz viele Einschreiben für Sie. Bekommen Sie jeden Tag so viele, dann berücksichtige ich das bei meiner Tourenplanung…“

Frau X konnte ihn beruhigen: „Nein, das werden deutlich weniger werden, statt knapper 30 am Trag werden es ein oder zwei die Woche werden, sehr bald schon.“

Der Postbote war erleichtert — und immer noch etwas außer Atem. Das angebotene kalte Getränk nahm er gerne an, immerhin bringen fünf Stockwerke an warmen Sommertagen auch sportliche junge Männer etwas aus der Puste.

Ich weiß nicht, wie viele Einschreiben ich an X geschickt hatte, das Geld hatte ich damals gerne mitgenommen, aber es ging ja nicht um unser aller Spaß, wir wollten X helfen. Und das hatten wir. Was aus dem alten Postboten wurde, ist nicht bekannt, er wurde nie wieder gesehen.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
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