Farm der (hohen) Tiere

Wir alle kennen die „Farm der Tiere“ von George Orwell und den wohl bekannteste Satz daraus: „Alle Tiere sind gleich, nur einige sind etwas gleicher“.

In den letzten Wochen sind in Deutschland haben zwei Dinge die Öffentlichkeit berührt: Der Mord an Modezar Mooshammer und seine schnelle Aufklärung und die Nebeneinkünfte von Politikern.

Warum erwähne ich beides in einem Satz? Gibt es da einen Zusammenhang? Ich darf etwas weiter ausholen?

Nach der Tötung Mooshammers hat der Täter eine Reihe von Spuren hinterlassen, auch sog. DNA-Trägermaterial, aus dem dich die DNA für einen genetischen Fingerabdruck isolieren läßt. Zusammen mit Zeugenaussagen und dem Geständnis eines dringend Tatverdächtigen, konnte der Fall binnen weniger Tage aufgeklärt werden. Nun fordern Politiker, den genetischen Fingerabdruck in das Standardrepertoire der polizeilichen Arbeit aufzunehmen.

Nun könnte man meinen, daß alles, was unserer Sicherheit diene, doch auch uns allen diene. Schließlich werden Verbrechern ja auch jetzt schon die Fingerabdrücke genommen. Könnte man meinen. Wer in der Schule gut aufgepaßt hat, Politiker scheinen das nicht getan zu haben, der wird wissen, daß der genetische Fingerabdruck VIEL mehr über einen Menschen aussagt, als der herkömmliche Fingerabdruck. Genetische Dispositionen zu bestimmten Krankheiten zum Beispiel. Der Mensch ist zu einem erheblichen Teil durch sein Umfeld geprägt, der Rest ist genetisch vorbestimmt.

Immer wieder werden Zwillinge, also Menschen mit (fast) identischem Erbgut, nach der Geburt getrennt und finden sich später wieder. Trotz teilweise völlig unterschiedlicher Sozialisation durch (Fflege-)Eltern, Schule, Ausbildung usw. sind sich die Menschen oftmals sehr ähnlich: Sie arbeiten in ähnlichen Berufen, haben ähnliche Hobbys, kleiden sich ähnlich. Das geht hin zu Marotten. In einer Dokumentation wurden Zwillinge gezeigt, die beide ein Gummiband um das Handgelenk trugen. Wohlgemerkt: Diese beiden Menschen wurden nach der Geburt getrennt, wuchsen Tausende von Kilometern von einander auf und lernten sich erst im Alter von ca. 40 Jahren kennen. Wir sehen also, wie stark der Einfluß der Gene auf uns sein kann.

Und nun sollen diese Daten auch schon bei Verdachtsfällen erhoben werden? Was passiert mit den Daten? Werden die nun endlos lange aufgehoben? Und kommen sie in den Datenpool, der für die Rasterfahndung benutzt wird?

Das Wichtigste: Warum wollten und sollten wir Menschen unter Generalverdacht stellen?

Lassen wir das mal etwas sacken und widmen uns dem nächsten Thema.

Angeordnete aus Bundestag oder Landtagen üben häufig noch andere Tätigkeiten aus. Ich finde das gut. Ich möchte keine Politiker haben, die nicht mehr wissen, wie in Unternehmen gearbeitet wird oder nur noch die Schauklappen des Berufspolitikers aufhaben. Allerdings begeben wir uns auf eine Grantwanderung: Der Abgeordnete soll zunächst seinem Gewissen verpflichtet sein und nicht seinem Arbeitgeber, für den er auch noch tätig ist. Wir alle kennen die Weisheit: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“

In der letzten Zeit sind einige Abgeordnete dadurch aufgefallen, daß sie Bezüge von Dritten OHNE erkennbare Gegenleistung bekommen haben. Da niemand Geld zu verschenken hat, wird sich der Zahler wohl irgendwas von seiner Zahlung versprechen. Im Zweifel vielleicht eine Entscheidung des Mandatsträgers, die sich positiv für ihn selbst auswirkt. Und hier wird es gefährlich. Wollen wir, daß sich Politiker (mehr oder weniger) offen schmieren lassen? Daß man ihre Entscheidungen kaufen kann? Ich zahle Dir einen Betrag von X und Du stimmst in der Sache Y so ab und eben nicht anders?

Um hier ein wenig(!) Transparenz zu schaffen, gibt es Meldepflichten für Abgeordnete. Allerdings steht in den Vorschriften nichts von Strafen für den Fall der Nichtbefolgung. Also ist und bleibt es eine leere Drohung. Nun gibt es Stimmen, die eine generelle Offenlegungspflicht gegenüber jedermann fordern und nicht nur gegenüber dem Bundestagspräsidenten. Klingt logisch.

Doch plötzlich regt sich ein Sturm der Entrüstung, die Angst vor dem gläsernen Abgeordneten geht um. Politiker wollen sich eben nicht durchleuchten lassen, was sie sie so verdienen und wer sie bezahlt. Auch ist die Rede vom Generalverdacht gegenüber parlamentarischen Mandatsträgern.

Okay, fügen wir beides mal zusammen: Also die Politiker, die Angst vor der Durchleuchtung ihrer (Neben-)Einkünfte haben, wollen uns, ihrem Volk, das sie einst gewählt hat, den genetischen Fingerabdruck verordnen? Natürlich nur zu unserer Sicherheit, versteht sich. Aber gleichzeitig möchte sich der einzelne Abgeordnete nicht in die Karten (oder auf das Konto) schauen lassen, was er noch so nebenbei verdient? Plötzlich wird das Argument Datenschutz wieder hervorgeholt, was uns eben noch beim Fingerabdruck als Tatenschutz vorgeworfen wurde. Der Abgeordnete soll selbst entscheiden dürfen, was er macht und was er angibt? Ich als Bürger darf bei einem Reihen-DNA-Test aber nicht fehlen, ohne ins Visier der Ermittler zu geraten?

Wir sehen also: Alle Tiere sind gleich, aber einige hohe Tiere wollen etwas gleicher sein. Wahltag ist Zahltag!

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About Nik

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