Früher war alles besser — oder doch nicht?

Früher, da war ja alles besser. Das glauben manche Menschen, zumindest äußern sie sich so. Eine gewisse blonde, blauäugige Journalistin fand die Rolle der Frau im Dritten Reich… muß ich weitersprechen? Danke! Ihr verklärender Blick auf eine verzerrte Vergangenheit wurde unter anderem von Henryk M. Broder herrlich polemisch, aber in der Sache durchaus richtig, zurechtgerückt.

Bei Spiegel Online sehe ich einen Kurzfilm über eine Messe mit Ostprodukten. Nichts gegen Regionalprodukte. Mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus, haben manche Menschen offenbar auch jeden Realismus verloren. So beklagt sich ein älterer Mensch, daß die ehemaligen Ostprodukte nur im Osten verkauft werden, er aber die Westprodukte auch als Ossi kaufen müsse. Den Senf der Firma Born Feinkost aus Erfurt oder die Bautz’ner Senfspezialitäten, die ich gerne esse, habe ich wohl nicht im Spuermarkt um die Ecke gekauft sondern nachts über den eisernen Vorhang geschmuggelt.

Die Reporterin fragt einen anderen Gast, was ihm früher besser gefallen habe. Das ganze System der Arbeit, das Bildungssystem. Auch hier scheine ich im falschen Film zu sein. Für wertlose „Alu-Chips“ taten viele Menschen so, als arbeiteten sie motiviert. Die fehlgesteuerte Planwirtschaft war ineffizient, der Staat praktisch pleite. Na klar war die Bildung prima. Wer hirnlos alles nachplappern wollte, was Staat und Partei vorgaben.

„Herrschte für Sie Meinungsfreiheit auch in der DDR“ fragt die Reporterin einen älteren Herrn. „Na, kommt drauf an, was für eine Meinung…“ Mir fehlen die Worte.

Eines haben die blonde Ex-Moderatorin und die ostdeutsche Volksstimme gemeinsam: Ist der Blick nur selektiv genug, so läßt sich auch in einem faschistischen oder volkssozialistischen Unrechts-Regime noch etwas finden, was früher besser war. Oder nicht schlecht.

Dazu paßt auch die Geburtstagsanzeige, die ich neulich in einer regionalen Zeitung las: Dort wurde einem Menschen zum 95. Geburtstag gratuliert. Dabei mußte man erwähnen, daß derjenige bei der Olympiade 1936 einer der Fackelträger war. Hurra! Die Statistik sagt, daß wir demnächst die Todesanzeige lesen werden. Ob dann auch zu lesen sein wird, daß er einst Angehöriger der SS oder das NSDAP-Parteiabzeichen in Gold trug?

Und wenn ich hier schon meckere: Eine Freundin wohnt in Ostdeutschland, unweit der polnischen Grenze. Auch sie bedauert, daß Ossis schlechter behandelt würden. Zum Beispiel beim Gehalt. Sie arbeitet im öffentlichen Dienst und bekommt die Ost-Tarife, die ein paar Prozent niedriger sind. Natürlich ist es schwierig einzusehen, daß man für die Arbeit schlechter bezahlt wird als Kollegen ein paar Bundesländer weiter westlich. Wenn sie mir jedoch erzählt, daß sie mindestens einmal im Monat in Polen ist, um ihr Auto vollzutanken, zum Friseur zu gehen und sich die Monatsration Zigaretten von dort mitzubringen. Dann sind die paar Euro geringeren Gehalts locker wieder drin. Aber ob sie das hören mag? Übrigens: Sie fährt keinen Trabant und mußte auf ihr Auto auch keine 12 Jahre warten. Früher war’s eben doch nicht besser.

Aber ich fühle mich besser 🙂

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
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