Gehört der Islam zu Deutschland? Versuch einer Antwort.

Vor einiger Zeit wurde ich in eine Diskussion verwickelt. Es ging um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Oder eben nicht. Ein Bekannter stellte mir damals Fragen. Ich will sie hier einfließen lassen.

Bevor Du aus dem Bauch antwortest, möchte ich Dir Fragen stellen. Und auch ein paar Anmerkungen machen. Ich will Dir keine Antwort vorgeben. Du sollst sie selbst finden…

Ich fand den Ansatz interessant und ließ mich gerne auf das Gespräch ein.

Gibt es den Islam?

Ich überlegte. Ich bin kein Moslem und kenne mich im Islam kaum aus. Ich bin getauft, konfirmiert, kenne das Christentum auch gerade gut genug, um mich ansatzweise auf religiöse Diskussionen einzulassen. Aber ich weiß, dass es auch im Christentum eine Reite von Gruppierungen gibt. Katholiken, Protestanten, Calvinisten, Mormonen, um nur einige zu nennen. Und ich weiß, dass sich die Untergruppen teilweise alles andere als grün sind. Die Frontlinie des Bürgerkriegs in Nordirland führte nicht zufällig entlang der Grenzen zwischen Katholiken und Protestanten. Und immer, wenn die einen durch das Wohngebiet der anderen marschieren, fliegen Steine. Bis heute…

Jemand merkte an:

Ich komme ursprünglich aus einer katholisch-protestantischen Mischgegend. Einige Dörfer waren da ganz strikt getrennt und hatten zwei Fußballvereine, je nach Glaubenszugehörigkeit trat man in den einen oder in den anderen ein. Und bei Spielen der beiden Vereine gegeneinander war sich auf beiden Seiten fast schon sicher, dass „Du sollst nicht töten“ nicht unbedingt für Angehörige der jeweils anderen Mannschaft galt. Es gab zwar schon Freundschaften untereinander, aber Verlobungen oder Heirat gab’s praktisch nur innerhalb der eigenen Konfession. Und das im Deutschland der 1960er Jahre.

Ich bin in einer protestantischen Gegend aufgewachsen und in meinem Elternhaus war Religion auch nie eine große Sache. Aber ich dachte nach. Und mir fiel ein, dass auch im Islam unterschiedliche Gruppierungen gibt: Sunniten, Schiiten, Wahabiten, Charidschiten, Sufismus und bestimmt noch ein paar andere mehr. Und auch diese Gruppen sind sich untereinander nicht unbedingt grün. Und auch hier reicht es, dass man sich wegen unterschiedlicher religiöser Ansichten bekriegt. Teilweise militärisch. Wenn ich den Krieg Iran-Irak denke, dann ging es auch dort darum, wer den wahren Islam bewahren wolle und wer ein Fein des wahren Islam sei. Der Iran und Saudi-Arabien führen derzeit in Syrien Stellvertreterkriege. Beide Seiten sind der Auffassung, den einzig wahren Islam zu vertreten.

Wenn also der Islam zu Deutschland gehört (oder auch nicht, das lassen wir mal offen), welchen Islam meinen wir dann? Und welche mit ihm verknüpften Wertvorstellungen?

Puh, nun wird es schwierig. Es gibt muslimische Strömungen / Gesellschaften / Staaten, die sehr liberal sind. Es gibt keine offizielle Staatreligion, es gibt Religionsfreiheit, keinen Zwang für Mädchen und Frauen, sich zu verschleiern. Keine arrangierten Kinderehen und auch keine Mädchen, die gegen ihren Willen verheiratet werden.

Und dann gibt es muslimische Strömungen / Gesellschaften / Staaten, die eben alles andere als liberal sind. Da müssen sich Mädchen und Frauen verhüllen, da gibt es eine strikte Trennung der Geschlechter, da dürfen Frauen nur in Begleitung von Ehemann / Bruder / Vater / Cousin aus dem Haus und dann auch nur verschleiert. Treffen sich Männer und Frauen privat, dann ist das schnell „Ehebruch“ und wird mit Steinigung geahndet. Und in einigen arabisch-muslimischen Staaten dürfen Frauen nicht mal Auto fahren, oder durften es bis vor kurzer Zeit. Und Religionsfreiheit gibt es auch nicht. Wer einer anderen Religion als dem Islam anhängt, der begeht „Ketzerei“ oder „Gotteslästerung“ und wird bestraft, gerne auch mit dem Tode.

Wenn also von dem Islam die Rede ist, der zu Deutschland gehört (oder nicht gehört), welchen Islam meinen wir dann? Wieviel „Islam“ welcher Ausprägung wollen wir? Oder andersherum gefragt? Welche Dosis verträgt unsere Gesellschaft? Ab welchem Maß ist unsere Toleranz (über)-strapaziert?

Was finden wir „normal“? Was ist uns zuviel? Gibt es da eine Grenze? Wo könnte sie liegen? Und wieso genau dort und nicht woanders?

Die Freiheit der Religion und ihrer Ausübung wird von unserer Verfassung garantiert. Und niemand — von ein paar braunen Dumpfbacken — möchte die Zeiten von Judenverfolgung wie im Dritten Reich zurück. Geht es aber um den Islam — ja um welchen denn nun? — tun wir uns schwer. Wir finden Mädchen mit Kopftüchern als problematisch, Frauen mit Nikab befremden uns. Und die Anwendung der Scharia mit ihren teilweise drakonischen Strafen widerspricht auch unserer Rechtsauffassung und dem staatlichen Gewaltmonopol.

Ebenso verbieten hiesige Gesetze Kinderehen oder Vielehen. Diesen Teil des Islams (oder genauer: eines Islams) wollen wir nicht, weil er gegen geltendes Recht verstößt. Und andere Aspekte? Widerspricht ein getragenes Kopftuch als Zeichen des Islam einem staatlichen Neutralitätsgebot bei Polizisten, Richtern oder anderen Beamten? Trägt jemand eine Kette mit einem kleinen Kreuz, dann haben wir damit in der Regel kein Problem. Also dann mit dem Kopftuch? Stört uns eine getragene jüdische Kippa mehr (oder weniger) als ein Kopftuch? Wieviel oder wie wenig sichtbare Religion wollen wir?

Ab wann wird oder ist eine Religion politisch? Und wie weit verträgt sich diese Politik mit unserem Staat, unserem, Grundgesetzt, unserer Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung? Und unserem Strafgesetzt?

Wieder schwierige Fragen. Klar, der Islam, genauer, so manche Form des Islam, ist nicht unpolitisch zu sehen. Wie auch andere Heilige Schriften, ist der Koran ein „Gemischtwarenladen“, im dem alle Inhalte zu finden ist, die gerade opportun erscheinen. „Liebe Deine Nächsten“, „Sei barmherzig zu Deinen Gegnern“ aber auch „Töte die Andersdenkenden“. Auch in der Bibel finden sich solche Aussagen. Gerade das Alte Testament ist voller Grausamkeiten, was gerne vergessen wird.

Das Christentum hat hierzulande ungefähr tausend Jahre Tradition und Einfluss… Und der Islam?

Ich hielt kurz inne. Sicherlich gibt es in Europa christliche Wurzeln, die sogar noch älter sind, aber nehmen wir mal ungefähr tausend Jahre als groben Richtwert. In dieser Zeit gab es einen erheblichen christlichen Einfluss, um guten wie im bösen, von Klöstern als Hort des Wissens und der Bildung bis hin zu Inquisition und Hexenverbrennung. Ich erinnerte mich an unsere gesetzlichen Feiertage. Neujahr, 1. Mai und der Nationalfeiertag am 3. Oktober sind säkulare Feiertage, alle andern gesetzlichen Feiertage sind christlichen Ursprungs.

Bist Du (D)einer Antwort ein wenig nähergekommen?

Ich könnte es mir einfach machen: Da es den (einen) Islam nicht gibt, kann der (eine) Islam auch nicht zu Deutschland gehören. Aber diese Antwort wäre zu einfach, wenn auch formal schwierig angreifbar. Es gibt viele Menschen muslemischen Glaubens in Deutschland. Und mit jedem Menschen wohl auch seine eigene Ausprägung des Islams. Insofern gehört ein Teil des Islams ganz sicher zu Deutschland. Andere Teile des Islams gehören ganz klar nicht zu Deutschland.

Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht? Ich weiß es nicht. Aber die Diskussion darüber hat mich zum Nachdenken gebracht. Und das ist oftmals viel wichtiger als eine Antwort auf die eigentliche Frage zu finden.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
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