Geniales Gender-Gaga

Als Mensch, der in der Schule (in Latein) den Unterschied zwischen Genus und Sexus gelernt hat, halte ich wenig von gegenderter Sprache. Ich habe gelernt, dass ein generisches Maskulinum auch Frauen (und andere Menschen) beinhaltet. Ich muss (und möchte) auch nicht jeder meiner Wörter:innen mit sprachlichen Verhunzungen_innen verschlimmbessern.

Wenn ich „Der Mensch“ sage, dann meine ich alle Menschen. Ob nun Männlein, Weiblein, die Menschen dazwischen, die sich nicht so ganz in diesen Schubladen festlegen können oder wollen. Soweit, so klar. Nur leider nicht allen Menschen:innen.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die lange genug her ist, um verjährt zu sein: Irgendwann ruft mich jemand an, die Verzweiflung ist deutlich in der Stimme zu hören. Da soll eine Arbeit für die Uni abgegeben werden. Abgabeschluss ist Montag 12:00 Uhr. Also der Folgetag.

Du kennst Dich doch auch mit der Materie aus, kannst Du da etwas beisteuern? Ich komme einfach nicht auf die geforderte Seitenzahl. Ich habe schon mit der maximal erlaubten Schriftgröße und Formatierung getrickst, aber…

Ich las mir die Arbeit durch. Er hatte alle relevanten Punkte behandelt. Nur eben maximal knapp und oberflächlich. Mit genügend Aufwand und hätte man da viel mehr erreichen können. Aber manchmal hat der Student einfach keinen Bock mehr, sich mit einem Thema zu beschäftigen. Kennt jeder, der mal eine Arbeit zu einem ungeliebten Thema schreiben musste.

Gib mir eine Stunde, dann kommst Du auf die geforderte Seitenzahl…

Am Telefon war zu hören, wie jemand ein Stein vom Herzen fiel. Da ich in der Materie nicht genug drin war, um in der Sache etwas zu schreiben, musste eben getrickst werden. Da an der Formatierung nichts mehr zu machen war, mussten eben andere schmutzige Tricks her.

Immer wenn ein generisches Maskulinum verwendet wurde, wurde es durch beide Geschlechter ersetzt. Damals waren weder Gender-Sternchen noch Gender-Doppelpunkt noch Binnen-I bekannt. Stattdessen gab es die volle Nennung, liebe Leserinnen und Leser. Also wurde aus „Der Benutzer“ dann „Der Benutzer oder die Benutzerin“. Und das konsequent durch die ganze Arbeit. Globales Suchen und ersetzen blähte die Arbeit im Handumdrehen auf. Inhaltlich blieb es beim Status Quo, aber die geforderte Seitenzahl wurde nicht nur erreicht, sie wurde auch noch übertroffen, liebe Leserinnen und Leser, liebe Genossen und Genossinnen, liebe Freunde und Freundinnen.

Irgendwann später bekam ich eine Rückmeldung, dass die Arbeit nicht nur bestanden wurde, es hab auch eine lobende Erwähnung der Sprache. Sic Transit Gloria Mundi…

1 Kommentar zu „Geniales Gender-Gaga“

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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