Gewissen ist Macht

Böse Dinge passieren zur Zeit, sofern man der aktuellen Berichterstattung glauben darf: Polizisten nehmen Demonstranten, die eine Dauer-Demo vor dem Brandenburger Tor machen, Decken und Iso-Matten weg. Dieses Vorgehen der Polizei bleibt nicht ohne Kritik. Ich hörte einen sehr krassen Vergleich:

Wodurch unterscheiden die Polizisten, die heute frierenden Demonstranten wärmende Decken wegnehmen, von ihren Kollegen, die vor 70 Jahren in den Polizeibataillonen an der Ostfront, Menschen ermordeten?

Auf diese Frage kann man formal antworten: „Durch die Uniform, die sie dabei anhaben; die einen dienten einem Unrechtsstaat, die anderen einem Rechtsstaat; immerhin ermorden sie keine Leute…“

Ja, alles richtig. Aber die Antwort könnte auch lauten: „In nichts. Denn beide führen, ohne zu fragen, unmenschliche Befehle aus.“

In einer Dokumentation zum Thema Stalingrad hörte ich einst den Satz über Generalfeldmarschall Paulus: „Natürlich hätte er diesen Befehl, keinen Ausbruch aus dem Kessel zu versuchen, verweigern müssen. Ein Generalfeldmarschall muß auch mal einen Befehl verweigern, sonst hätte er gleich Oberst und Regimentskommandeur bleiben können!“ (sinngemäß zitiert)

Ich wünsche, daß sich einige Berliner Polizisten an das Grundgesetz erinnern, der erste Absatz reicht schon: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Und sich dann überlegen, ob sie ein Gewissen haben.

Ein Gewissen verleiht einem die Macht, auch mal „nein“ zu sagen. Das wäre dann der Unterschied zu den Kollegen vor 70 Jahren. Die haben nicht „nein“ gesagt. Die haben mitgemacht. Das Ergebnis ist bekannt.

4 Kommentare zu „Gewissen ist Macht“

  • Thilde schrieb:

    Ich finde den Vergleich unfassbar unpassend.
    In Stalingrad gab es kein Entkommen – bei der Demo gibt es sehr wohl die Möglichkeit, um nur mal das Allernaheliegendste zu nennen.
    Ansonsten stellt sich die Frage, ob die Demo genehmigt war.
    Wenn eine Demo genehmigt ist, aber kein Camping, dann kann man sich natürlich streiten, wo das Camping anfängt und zu dem Schluss kommen, Decken gehörten noch zu einer Demo. Aber auch dann bleibt die Empörung IMO unangemessen und die moralische Attitüde.

    Und hier noch der Hinweis, dass das jemand schreibt, der Fördermitglied von Pro Asyl und von Amnesty International ist und in dieser Eigenschaft diesen Organisationen nennenswerte Beträge zukommen lässt.

  • Nikolaus Bernhardt schrieb:

    Kurz nach der Einkesselung gab es sehr wohl die Möglichkeit, einen Ausbruch zu versuchen. Dieser Ausbruch wurde aber ausdrücklich verboten.

    Militärhistoriker hätten der eingeschlossenen 6. Armee gute Chancen gegeben, zumindest teilweise zu entkommen.

    Nachdem klar war, daß die Versorgung der 6. Armee aus der Luft undurchführbar war, hätte Paulus kapitulieren können. Auch das wurde ihm ausdrücklich verboten.

    In beiden Fällen war er der brave Befehlsempfänger. „Soldat“ sah er offenbar als Abkürzung für „Soll ohne langes Denken alles tun“ und handelte entsprechend.

    Nichts gegen eine (Förder)mitgliedschaft bei Pro Asyl und Amnesty International, auch der Berliner Bezirksbürgermeister Dr. Hanke hatPhilosophie als Fach studiert und ist Mitglied bei Amnesty International[1], was ihn offenbar nicht hindert, ’seiner‘ Polizei entsprechende Anweisungen zu geben.

    1.) http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirksamt/hanke.html

  • Kai schrieb:

    „Ich finde den Vergleich unfassbar unpassend.”

    Nun, wir sind hier im Blog von Nikolaus Bernhardt. Unterhalb von Vergleichen mit Weltkriegsverbrechen und -schlachten kann Nik nicht arbeiten…

    Davon abgesehen haben die Polizisten völlig korrekt gehandelt. Es gibt in Deutschland ein Demonstrationsrecht, keines auf Camping in Fußgängerzonen.

  • Nikolaus Bernhardt schrieb:

    „Nun, wir sind hier im Blog von Nikolaus Bernhardt.“

    Stimmt. Mein kleiner elektronischer Vorgarten. Hier schreibe ich über Dinge, die mich zum Nachdenken bringen, die mich zum Schmunzeln bringen, die mir wichtig sind.

    „Unterhalb von Vergleichen mit Weltkriegsverbrechen und -schlachten kann Nik nicht arbeiten…“

    Knapp 10 Jahre Blog und knappe 1.000 Artikel, von denen die allermeisten ganze andere und — für Außenstehende — manchmal auch ganz banale Themen haben möchten und Du machst dieses Blog an einem Artikel fest? Ich hätte von Dir etwas mehr Unterscheidungsvermögen erwartet. Oder zeigst Du schon das typische Politikerverhalten, reflexhaft auf ein Stichwort zu reagieren und wie der Pawlowsche Hund zu reagieren?

    „Davon abgesehen haben die Polizisten völlig korrekt gehandelt. Es gibt in Deutschland ein Demonstrationsrecht, keines auf Camping in Fußgängerzonen.“

    Also mit der Argumentation könnte man einem Menschen, der gerade in kaltes Wasser gefallen ist, auch jede Hilfe verweigern, schließlich ist hier Baden ausdrücklich verboten.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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