Gutmenschen in Freizeit und Politik

Wenn Gutmenschen sich in ihrer Freizeit politisch korrekt amüsieren und gleichzeitig noch die Welt retten wollen, dann gehen sie zu „Live 8“ oder knüpfen weiße Bänder. So ein weißes Bettlaken, natürlich aus ökologisch angebauter Baumwolle, ist der Ablaßbrief für den modernen Menschen. Nicht, daß sich an den Problemen irgend etwas dadurch änderte, aber nach der Divise „Brot für die Welt – aber die Butter bleibt hier“ kann man sich gut fühlen, wenn man sich dann abends den Bauch vollschlägt.

Der Schuldenerlaß, für den oftmals zweitrangige oder bereits vergessene Stars der Musikindustrie auf Konzerten spielten, ist längst beschlossene Sache. Doch statt eines Erlasses der Schulden treten nun die G-8-Staaten ein und übernehmen Zins und Tilgung der Kredite. Der deutsche Steuerzahler ist mit einer Milliarde Euro dabei. In Zeiten leerer Kassen und massiven Sozialabbaus hierzulande zahlen wir doch gerne, wenn es denn den Ärmsten der Welt in Afrika hilft, oder?

Nur leider helfen weder die Lebensmittel noch die Aber-Milliarden an Geldern, die nach Afrika fließen. Jedenfalls nicht den hungernden Menschen dort. Wie kann das sein?

Geld verdirbt bekanntlich den Charakter und fördert fast immer auch Korruption oder andere Formen der Kriminalität. Hierzulande fließen bei großen Waffen-Deals üppige Schmiergelder oder bei Automobilherstellern werden Politiker bezahlt. Je mehr Geld im Spiel ist, desto mehr Schmarotzer, Bestecher, Bestochene und Korruption wird es geben.

Paradoxerweise geht es den Staaten am schlechtesten, die am meisten Hilfe bekommen. Auch dort erzeugt Finanzhilfe Bürokratie und Korruption. Das Bestreben, eine eigenständige Volkswirtschaft aufzubauen, wird untergraben oder gar verhindert.

Bei einer Dürre wird um rasche Hilfe gebeten und tausende Tonnen von Mais, subventioniert angebaut, werden nach Afrika verschifft. Dort verschwindet ein Teil und geht an die Stämme gewisser Politiker, die sich so Wohlwollen beim „Wähler“ erkaufen. Andere Teile gelangen auf den Schwarzmarkt und zerstören so die dortige Landwirtschaft.

Wir Deutschen nehmen gerne in Anspruch, die besten Autos der Welt zu bauen. Was würde aus der deutschen Automobilindustrie, wenn jeder ein von ausländischen Helfern ein Auto geschenkt bekäme? Sie würde binnen kürzester Zeit zusammenbrechen. Die Afrikanische Landwirtschaft soll jedoch in der Lage sein, ausreichende Mengen zu produzieren, während gleichzeitig große Mengen gespendeter Lebensmittel den lokalen Markt zerstören? Das kann nicht funktionieren und das tut es auch seit Jahrzehnten nicht. So werden ganze Volkswirtschaften in der Rolle des unselbständigen Bettlers gehalten und verhindert, daß afrikanische Staaten lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.

James Shikwati, kenianischer Wirtschaftsexperte und Gründer der der Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Inter Region Economic Network“ in Nairobi (Kenia), rät deswegen den Deutschen, sich aus der Entwicklungshilfe komplett zurückzuziehen.

Statt beim einfachen Volk kommt die Entwicklungshilfe oft auf den Konten von Despoten an. Wie sonst konnte Zaires Expräsident Mobuto ein privates Vermögen von 4 Milliarden Dollar anhäufen? Wo viel Entwicklungshilfe fließt, da wird auch viel Geld versickern.

In Mosambik stammten in den frühen 90er Jahren gewaltige 95% des Sozialproduktes aus Entwicklungshilfe. Das zerstört jede gesunde Volkswirtschaft. Aber das wird den Gutmenschen hierzulande völlig egal sein, hauptsache, sie können mit Bettlaken und Konzerten ihr Gewissen ruhigstellen.

Interviel mit James Shikwati bei Spiegel Online

1 Kommentar zu „Gutmenschen in Freizeit und Politik“

  • Kai Bojens schrieb:

    Du hast den SPIEGEL Artikel von Broder nahezu identisch abgetippt. Würdest Du allerdings den Blick über den Tellerrand des SPIEGELs wagen, fällt Dir vielleicht auf, dass diese Probleme sehr wohl bekannt sind:

    http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/15/0,3672,2333263,00.html

    "Finanzhilfen und Schuldenerlass seien zwar wichtige Schritte, der Schlüssel zum Erfolg liege aber im Handel, argumentieren Blair und seine Gefolgsleute. Die reichen Staaten müssten ihr komplexes System von Subventionen und Handelsschranken reformieren, das ihnen bislang einen dicken Vorsprung vor den afrikanischen Bauern und Unternehmern sichert. Nur auf diese Weise könnten die Menschen auf dem Schwarzen Kontinent in die Lage versetzt werden, sich selbst selbst zu versorgen."

    Ich erinnere nur an Cancun (Mexiko), wo die Verhandlungen über den Welthandel daran gescheitert sind, dass die Mehrheit der Industristaaten ihre Agrarsubventionen und Protektionen nicht ändern wollten.

    Und die Diskussion über Entwicklungshilfe ist alt – "Echte" Hilfe zur Selbsthilfe ist allerdings immer noch richtig.

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