Hiroshima und Nagasaki

Heute, am 6. August, trauert man traditionell um die Opfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Das ist gut. Gedenken an die Toten des Krieges soll die Lebenden und Überlebenden ermahnen, dass es keine gute Idee ist, Krieg zu führen. Krieg ist, zumindest langfristig gesehen, immer eine sehr teure Form, Dinge erreichen zu wollen oder tatsächlich zu erreichen. Das wäre auch deutlich „billiger“ gegangen, mit weniger Toten, weniger Verwundeten, weniger Kosten.

Was mich an den japanischen Trauerfeiern zum 6. August stört, ist die — aus meiner Sicht — sehr einseitige Darstellung als Opfer.

Ich möchte dazu etwas ausholen: Bekanntlich wird Geschichte von den Siegern geschrieben. Manchmal aber auch von den Opfern. Gerne wird vergessen, dass jeder Krieg eine Vorgeschichte hat, auch ein verlorener Krieg: Seit 1910 hat Japan Korea kolonisiert und in das Japanische Kaiserreich eingegliedert. Dabei waren die Koreaner Bürger 2. Klasse. Wenn überhaupt. Ab 1932 eroberte Japan dann Teile von China und herrschte über das Marionettenregime von Mandschuko. Auch hier waren die Chinesen bestenfalls Bürger 2. Klasse.

1941 begann Japan dann den allseits bekannten Angriffskrieg gegen die USA, eroberten im Verlauf des Krieges große Teile Ostasiens. In den besetzten Gebieten verhielten sich die japanischen Truppen die die sprichwörtliche Axt im Walde und führten — gemessen nach westlichen Zivilisationsstandards — ein äußerst brutales Regime.

Die USA und ihre Verbündeten unternahmen dann große Anstrengungen, um Japan zurückzudrängen. Land um Land, Insel und Insel wurden befreit. Die japanischen Inseln, das japanische Kernterritorium wurde lange Zeit nicht Ziel von Angriffen, sieht man vom (symbolischen) Doolittle Raid ab. Nach und nach kam dann auch das japanische Kernland in die Reichweite amerikanischer Bomber. Die US Army Air Force (so hieß die damals noch) war in der Lage, mit eigens entwickelten Bombern, der legendären Boeing B-29, erste Angriffe durchzuführen.

Diese Angriffe waren Tagangriffe. Hier muss ich ein wenig ausholen. Um ein Ziel zu zerstören, muss man es sehen (können). Das gilt besonders für Punktziele wie Fabriken. Schon schnell lernten die Alliierten, dass diese Angriffe wenig erfolgreich waren. Dafür waren die Verluste um so höher. Das hat mehrere Gründe. Aufklärer, die nach dem Angriff die Schäden auswerteten, stellten fest, dass ein großer Teil der Bomber seine Bomben mit vielen Kilometer Abweichung vom Ziel abwarf. Gerade bei Nacht sind Punktziele praktisch nicht zu treffen gewesen. So beschreibt es auch der Butt-Report. Er fasste die Ergebnisse der britischen Bombardierungen zusammen. Wir reden von den frühen 40er Jahren, einer Zeit, in der Radargeräte zwar schon erfunden waren, aber sie waren groß und unpräzise. Die Radar-Entwicklung machte zwar enorme Fortschritte, aber es ist ein Unterschied, ob man nachts per Radar eine Stadt, einen Stadtteil oder eine Straße präzise orten kann. Und diese Präzision kam erst lange nach dem Krieg. Dann kommt hinzu, dass es schwierig ist, eine Bombe aus 10 Kilometern Höhe so abzuwerfen, dass sie präzise trifft. Dazu muss man die Windrichtung und die Windgeschwindigkeit sehr exakt kennen. Es gab war analoge Computer, die hier den Bombenschützen unterstützen, aber die Trefferrate war lausig.

Da die Verteidiger mit Flugabwehrkanonen (Flak) schossen, mussten sich die anfliegenden Bomber etwas einfallen lassen, um das Flak-Feuer in der Wirkung zu mindern. Wenn ein Flakgeschoss ca. 30 Sekunden braucht, um seine Höhe zum Ziel zu erreichen, dann muss der Flak-Kommandant seine Geschütze dorthin schießen lassen, wo die Bomber in 30 Sekunden sein werden. Nachdem das klar war, änderten die Bomber alle 25 Sekunden Kurs und Höhe. Das machte einen gezielten Bombenabwurf noch schwieriger.

Schon recht früh ging man dann dazu über, ganze Städte (oder zumindest Stadtteile) anzugreifen statt eben nur eine Fabrik in der Stadt oder dem Stadtteil. Damals wurde das Flächenbombardierung genannt und es gab sogar eine Anweisung darüber, seitdem bombardierte die Royal Air Force dann eben ganze Städte. Selbst Tagangriffe auf Punktziele erforderten viele Wiederholungen, bis eine Kugellagerfabrik (oder anderes kriegswichtiges Ziel) zerstört war. Die RAK bombardierte nachts Städte, die USAAF bombardierte tagsüber Industrieziele.

Genug der Erklärungen: Der Bombenkrieg erreichte Japan und die USAAF griff tagsüber Industrieziele an. Und war dabei nicht erfolgreich. Das hatte Gründe. Zum einen war die japanische Industrie viel dezentralisierter als die deutsche. Riesige Industriezentren a la Ruhrgebiet gab es in Japan nicht. Und dann gab es über Japan äußerst starke Winde, den sogenannten Jetstream. Auch er machte präzise Bombardierungen praktisch unmöglich. Zumal die japanische Flak sehr gut war, japanische Jagdflugzeuge spielten kaum eine Rolle, es fehlte an Piloten und Flugbenzin. Die Erfolge der USAAF waren gering, die Verluste hoch. Und die japanische Behandlung von Kriegsgefangenen entsprach nicht der Genfer Konvention, da Japan der Konvention nicht beigetreten war.

Kurzum, die USAAF musste schnell erfolgreich werden. Aus mehreren Gründen. Es war dem amerikanischen Bürger nicht zu vermitteln, warum er viele Milliarden US-Dollar (nach der Währung von 1944) für ein Flugzeug ausgegeben hatte, das den Krieg gegen Japan nicht so schnell erfolgreich beenden konnte, wie gewünscht. Die USAAF ging also dazu über die Flugzeuge zu vereinfachen. Die analogen Bordcomputer, die die (fernbedienten) MG-Stände des Flugzeuge steuerten, mit denen japanische Jagdflugzeuge bekämpfen sollten, wurden ausgebaut, ebenso die MGs selbst. Das machte die Flugzeuge viel leichter, die Belastung der Triebwerke beim Start war geringer, es kam zu weniger Triebwerksbränden überlasteter Triebwerke. Stattdessen konnte mehr Benzin mitgeführt werden. Dadurch verminderten sich Notlandungen wegen Benzinmangels. Vor allem änderte man die Art der Einsätze: Statt tagsüber mit Sprengbomben Präzisionsangriffe auf Punktziele zu fliegen, flog man nun nachts, griff aus viel geringerer Höhe an und verwendete Brandbomben. Die eigenen Verluste gingen dramatisch zurück, die Verluste des Feindes stiegen dramatisch an.

In der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 wurde mit Brandbomben ein Feuersturm erzeugt, ein Gebiet von 30 Quadratkilometern wurde praktisch eingeäschert. Es starben nach Nachkriegsschätzungen zwischen 80.000 und 180.000 Menschen. Über diese dramatischen Opferzahlen redet heute niemand mehr.

Stattdessen denkt man die die Opfer von Hiroshima. Gut, das waren Opfer des Ersten Atombombenangriffs der Geschichte. Und jedes Jahr fügt man der Liste der Opfer die Menschen hinzu, die verstorben sind. Auch wenn sie altersbedingt gestorben sind.

Und da beginnt für mich die — fast hätte ich Heuchelei geschrieben — unverständliche Seite des Geschichte. Wenn ein Mensch 70 Jahre nach dem Atombombenabwurf stirbt, wo ist da der Zusammenhang? Warum jedes Jahr die Liste der Verstorgenen erweitern und die Zahl der Ofer erhöhen?

Warum nicht bei aller Betroffenheit anerkennen, dass der asiatische Teil des Zweiten Weltkriegs von Japan ausging? Warum nicht die Atombombe (und auch die Opfer der vorherigen konventionellen Bombenangriffe) als Folge des begonnenen Krieges sehen? Warum nicht die eigene Führung für die Fortführung eines schon lange aussichtslos gewordenen Krieges verantwortlich machen? Warum diese „Wir armen Opfer“-Haltung?

Und versetzen wir uns noch einmal in die Lage der USA: Für das Manhatten-Projekt wurde sehr viel Geld ausgegeben. Wie vermittelt man dem amerikanischem Steuerzahler, dass man Milliarden (ebenfalls nach der Währung von 1945) US-Dollar ausgegeben hat, nun die Mittel hat, Japan in die Kapitulation zu zwingen und stattdessen dann eine äußerst blutige und teure Landungsoperation durchführt, die nicht nur viel Geld sondern auch viele US-Soldaten Leben und Gesundheit kosten wird? An die vielen japanischen Opfer, die auch eine konventionelle Eroberung der japanischen Inseln gebracht haben dürfte, wird man wohl eher weniger gedacht haben.

Also war klar, die USA taten, was sie tun mussten, um den Krieg zu beenden, so schnell wie möglich. Japan bekam auf der Konferenz von Potsdam ein Ultimatum, wollte es nicht annehmen und danach wurde der Krieg eben anders beendet.

Der 6. August ist ein Tag, darüber nachzudenken, dass Kriege sich nicht lohnen, erst recht keine Atomkriege. Aber der ewige Opfer-Kult könnte einer etwas realistischen Sicht der Dinge weichen. Auch in Japan.

An dieser Stelle möchte ich noch auf das (inzwischen eingestellte) Blog von Scot Stevenson verweisen. Er hat eine sehr lesenswerte Artikelserie über den Krieg der USA gegen Japan.

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About Nik

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