Mehrwertsteuersenkungen als Wirtschaftsimpuls?

Machen wir uns nichts vor, die Zeiten sind nicht sehr erfreulich. Corona und vor allem die Maßnahmen dagegen, bringen viele unangenehme Dinge mit sich. Kurzarbeit oder gar Entlassungen für Arbeitnehmer. Wegfallende Auftrittsmöglichkeiten für Künstler, wegfallende Aufträge für Kleinunternehmer, geschlossene Arbeitsstätten für das Rotlicht und und und.

Und wie immer, wenn Menschen weniger Geld verdienen oder nicht sicher sind, ob sie demnächst noch Geld verdienen werden, bricht der Konsum und damit auch die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen ein. Und das ist schlecht für die Wirtschaft, unter anderem, weil Multiplikatoreffekte ausgelöst werden.

In solchen Fällen sollte die Politik darüber nachdenken, wie sie gegensteuern kann und die Menschen zu mehr Konsum anregen kann, wie sie die Wirtschaft mit mehr Nachfrage beleben kann.

2008/2009 gab es die Abwrackprämie für alte Autos. Auch mein damals altes Auto wurde plötzlich „Geld wert“, sofern ich mir ein neues kaufen wollte. Wollte ich dann. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun denke die Regierung über eine zeitweilige Reduktion des Mehrwertsteuersatzes nach. Statt 19% soll der Satz bis Ende 2020 auf 16% gesenkt werden. DREI PROZENT, das klingt erstmal ganz prima und nach nicht so wenig.

Nun, es ist keine Senkung um 3 Prozent, es ist eine Senkung um 3 Prozentpunkte. Wer nicht ganz sicher ist, was der Unterschied zwischen Prozent und Prozentpunkten ist, kann gerne hier nachlesen.

Nehmen wir einen Nettopreis von 100€ Euro, rechnen wir die alte bzw. neue Mehrwertsteuer hinzu, dann kommen wir auf 119 Euro (normaler Preis) beziehungsweise auf 116 Euro. Und rechnen man hier einmal die Preissenkung aus, kommt man auf 2,58 Prozent.

Aber das ist doch immer noch ganz nett…

Jein. Neulich hatten wir eine Änderung des Mehrwertsteuersatzes für Damenhygieneprodukte von 19 auf 7 Prozent. Ziel der Maßnahme sollte sein, dass die Schachtel Tampons (binden usw.) weniger kosten sollte. Was ist tatsächlich passiert?

Preise sind ja das Ergebnis von Aushandlungen zwischen Anbietern und Nachfragern auf einem Markt. Die einen fragen sich: „Was hätte ich gerne für das Produkt?“, die anderen fragen sich: „Was bin ich bereit, dafür auszugeben?“. Und dann greifen sie allbekannten Marktmechanismen, die wir alle aus der kaufmännischen Ausbildung, dem Studium von Volks- oder Betriebswirtschaft, oder der Lebenserfahrung her kennen.

Bei Tampons wurde der reduzierte Steuersatz nicht an die Verbraucher:innen weitergereicht. Hersteller und Handel haben sich über die Vorlage zur Preiserhöhung gefreut, Frauen zahlen nach wie vor, der Staat nimmt weniger Steuer ein. Das Ganze war also ein Eigentor mit Ansage, ich hatte hier mal darüber geschrieben.

Nun also eine generelle Senkung des Mehrwertsteuersatzes? Für ein halbes Jahr? Bedeutet also zweimal binnen 6 Monaten, dass der Handel seine Preise ändern muss. Was für ein Aufriss.

Wird das tatsächlich passieren? Werden die geringeren Steuerzahlungen an den Verbraucher durchgereicht? Da kann man auch an den Weihnachtsmann glauben. In vielen Bereichen werden sich Hersteller und Handel über die Mehreinnahmen freuen, ohne dass der Verbraucher wird weniger zahlen müssen.

Dem Staat werden viele Steuermilliarden (eine 1 mit 9 Nullen) entgehen. Belebung der Konjunktur? Werden wir sehen.

Was wäre eine Alternative? Denken wir mal nach. Kennt hier jemand Silvio Gesell? Ihm verdanken wir den Begriff des „Schwundgeldes„. Das ist Geld, das seinen Wert sehr schnell von selbst verliert.
(Wer will, kann sich gerne mit der Theorie beschäftigen, ich musste einst ein Referat darüber halten, ist aber schon laaaaaange her…)

Stellen wir uns vor, die Regierung gibt nun jedem deutschen Staatsbürger (oder nur den Erwachsenen, aber allen Menschen, es sind verschiedene Modelle denkbar) einen Scheck über — sagen wir mal — 5.000 Euro. Allerdings einen Scheck, der bei Nichtausgabe monatlich 500 Euro an Wert verliert. Klingt erstmal komisch, aber denken wir mal weiter.

Was passiert nun also? Wer das Geld nicht ausgibt und den Scheck bei der Bank einreicht, kann zusehen, wie sich das „Geschenk“ binnen 10 Monaten in Luft auflöst. Schade! Wer heute ein (Elektro-)Auto kauft, eine Reise bucht, Dinge reparieren lässt (das Häuschen renovieren) und und und, der hat auf einmal viel Geld, aber eben nur, falls es „sofort“ ausgegeben wird.

Und genau das wollen wir ja. Eine Belebung der Wirtschaft, und zwar JETZT.

Löst das nun alle Probleme? Keineswegs, denn immer noch werden Menschen von Einschränkungen des wirtschaftlichen Lebens betroffen sein. Künstler können nicht auftreten, alle Menschen, die im weitesten Sinne mit Kunst & Kultur ihr Geld verdienen, sind immer noch „gekniffen“ (und das ist noch milde ausgedrückt, für sie wird man andere Lösungen finden müssen. Aber ein genereller Impuls für die Wirtschaft ist es auf jeden Fall. Und einer, der sofort wirken wird.

Schade nur, dass die Lösung zu einfach ist, um umgesetzt zu werden 🙂

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
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ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
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