Mit dem Abmahn-Kalle in die Abmahn-Falle?

Ein Gespenst geht um in Klein-Bloggersdorf. Das Gespenst der Abmahnung. Diesmal läßt ein Mensch abmahnen, der seinen alten Spitz- oder Beinamen nicht mehr hören oder lesen mag. „Rassistisch“ und „diskriminierend“ sei der Beiname.

Nicht alle Menschen werden unter ihrem Geburtsnamen berühmt. Manche Menschen kennt die öffentliche Wahrnehmung nur noch unter ihren Bei-, Spitz-, oder Künstlernamen. Kennt eigentlich jemand Publius Cornelius Scipio? Oder Thomas Edward Lawrence? Nein? Aber Scipio Africanus oder Lawrance von Arabien sind allen bekannt, die in Geschichte aufgepaßt haben.

Sind Beinamen wie „Africanus“ oder „von Arabien“ wertfrei oder eher positiv oder gar negativ konnotiert? Schwierige Frage.“Iwan der Schreckliche“, „Karl der Große“ oder „August der Starke“ werden sich darum keinen Kopf mehr machen, sie sind längst Geschichte.

Aber was ist mit einem Menschen, dessen Bei- oder Spitzname „Neger“ enthält? Schwierige Frage.

Ich kann verstehen, daß Menschen sich entwickeln. Mein Spitzname aus der Schulzeit paßt heute genausowenig zu mir wie der Anzug, den ich zur Abitursfeier anhatte. Andere Menschen wollen auch nicht ewig an ihre Vergangenheit oder an die Namen aus dieser Zeit erinnert werden.

Zu meiner Schulzeit gab es einen Mitschüler, dem krause schwarze Haare einen wenig schmeichelhaften Spitznamen einbrachten. Irgendwann bei der Armee trafen wir uns wieder, er war inzwischen Offiziersanwärter. Seinen Nachnamen konnte ich an seiner Uniform, seinen Dienstgrad auf der Schulter ablesen, aber seinen Vornamen hatte ich vergessen, der Spitzname „Bimbo“ war in diesem neuen Umfeld unpassend geworden, aber alte Freunde durften ihn noch so nennen, wenn’s paßte.

Ein anderer Freund hatte einen Nachnamen, dessen erste beiden Silben so ähnlich wie „Zombi“ klangen. Ratet mal, welchen Spitznamen er nach dem Aufkommen gleichnamiger Filmgattung bekam? Dabei war er sehr lebendig und von untoten Bestien weit entfernt. Eines Tages, er war lange erwachsen, kamen diese Filme aus der Mode. Er bat darum, ihn einfach Klaus zu nennen. Oder sich einen intelligenten Spitznamen auszudenken. Es blieb dann bei „Klaus“.

Nun distanziert sich ein Mensch von einem Namen, der fast sein ganzes Leben eine Art Markenzeichen war und läßt Menschen abmahnen, die ihn so bezeichnen, wie früher fast alle taten? Auf einmal empfindet er seinen alten Spitznamen als „rassistisch und diskriminierend“? Woher die plötzliche Erkenntnis? Hat ein befreundeter Anwalt eine Masche zum Geldverdienen entdeckt und wirft deswegen nun die Abmahnmaschine an?

Jedenfalls zeigt sich, daß man zwar auf dem Kiez eine gewisse Größe erreichen könnte, aber menschliche Größe ist ganz etwas anderes.

1 Kommentar zu „Mit dem Abmahn-Kalle in die Abmahn-Falle?“

  • […] Ich gebe zu, ich wäre bei dem Vorstellungespräch gerne dabeigewesen und hätte die gesichter der Beteiligten gesehen. Später machte Schwabbel ein gutes Abitur, was aus ihr wurde, habe ich nie mehr erfahren und ich weiß auch nicht, ob sie ihren Spitznamen von einst noch heute trägt. Nicht jeder Spitzname ist ja geeignet, ihn ein Leben lang zu tragen oder tragen zu wollen. […]

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About Nik

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