Moderner Ablaßhandel

Ablaßhandel hat Tradition. Zu Luthers Zeiten hieß es:

„Wenn die Münze im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“

Aber auch heute scheinen sich die Zeiten nicht wesentlich verbessert zu haben.

In der WG läuft grad Werbung. Ein Spot für ein Mineralwasser aus Frankreich bleibt mir im Gedächtnis hängen. Nicht wegen des beworbenen Produktes, auch nicht wegen der Qualität der Werbung — ich mag gute Werbung — sondern wegen seiner Aussage. Die da lautet: Kauf einen Liter unseres Wassers und wir unterstützen UNICEF, damit in Afrika 10 Liter Trinkwasser entstehen.

Das klingt doch zunächst nach einer ganz tollen Sache. Wir kaufen etwas und der Hersteller hilft armen Menschen in der Dritten Welt.

Doch irgendwas störte mich daran. Und ich fing an, mir mal ein paar Gedanken zu machen. Die Auvergne liegt so ziemlich in der Mitte von Frankreich, laut Routenplaner sind das zu mir knappe 1.400 Kilometer. Findet der Transport nicht auf der Schiene sondern auf der Straße statt, dann verbraucht ein LKW bei einer geschätzten Ladung von 20.000 Flaschen ungefähr 700 Liter Diesel. Und das alles nur, damit ich Wasser trinke (oder meine Zimmerblumen damit gieße), das mitten aus Frankreich zu mir kommt?

Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über exotische Dinge, die nur aus einer bestimmten Region kommen können, wir reden hier über Wasser. Also etwas, was es hierzulande reichlich gibt.

Wer also wirklich sinnvolle Dinge tun will, der verzichtet auf den ökologisch unsinnigen Transport von Mineralwasser aus aller Herren Länder und befüllt statt dessen seine Trinkflasche mit Wasser aus der Leitung. Wer man nachrechnet, was ein Liter Mineralwasser im Laden kostet, dann kann man recht viel Geld einsparen und lieber direkt spenden.

Übrigens: Ich kaufe und trinke auch kein Bier, nur um den Regenwald zu schützen. Das kann ich auch, indem ich kein Bier trinke und lieber gleich spende.

1 Kommentar zu „Moderner Ablaßhandel“

  • Lars Schenk schrieb:

    Ja genau. Ökologisch sinnvoll einkaufen und dabei auch gleich regionale Anbieter unterstützen. Aber die Idee an sich "Kaufe und tue ganz nebenbei auch was gutes" ist ja eigentlich nicht schlecht – als ich für meine Frau nen iPod gekauft habe, habe ich auch die Product Red Variante gewählt – wobei diese Initiative ja auch kritisiert wird: http://en.wikipedia.org/wiki/Product_Red

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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