„Ortung“ mit den Chips in Personalausweisen

Einer guten Freundin sollte ein Bär aufgebunden werden. Aber vielleicht glaubte auch jemand selbst den Mist, den er ihr da erzählte. Ich hatte ihm dann am Telefon die Dinge erklärt, aber auch versprochen, hier das Ganze etwas ausführlicher zu erklären.

Worum ging es? Der eigentliche Vorwurf lautete

Mit den Chips in unseren Personalausweisen kann uns die Regierung jederzeit per GPS orten und herausfinden, wo wir sind, denn die Ausweise senden unseren Aufenthaltsort

Ja. Hat offenbar jemand sehr ernst gemeint. Hier also ein paar Grundlagen zum Thema Ortung und Positionsbestimmung.

Wie findet man heraus, wo man ist?

Machen wir es uns mal etwas einfacher und denken uns die Erde als eine Scheibe. Nein, ich habe mit der Flach-Erde-Theorie nix am Hut, aber im Nahbereich kann man die Erdkrümmung vernachlässigen.

Wir brauchen dazu „Landmarken„, also prägnante Objekte, deren (genaue) Position wir wissen. Oder aus einer Karte ablesen können. Und wir brauchen einen Kompass, mit dem wir eine Landmarke anpeilen können und so den Winkel zwischen Norden und der Landmarke bestimmen können.

Nun kommt etwas Mathematik ins Spiel. Wir rechnen den Gegenwinkel aus. Dazu nehmen wir den gepeilten Winkel unseres Kompass und addieren (subtrahieren) 180° und erhalten dann den Winkel, in dem mal von der Landmarke zu uns sehen kann. Das tragen wir mit einem Strich in die Karte ein. Wir wissen nun also, dass wir uns irgendwo auf dieser Linie befinden. Aber wo?

Nun kommt eine weitere Landmarke ins Spiel, die wir nach dem selben Prinzip anpeilen, wieder den Gegenwinkel berechnen und dann in die Karte einzeichnen. Dort, wo sich die Striche kreuzen, da sind wir. Und wer Lust hat, peilt weitere Landmarken an, um Messfehler auszugleichen und eine höhere Genauigkeit zu erreichen,

Nun ist die Erde aber keine Scheibe sondern (einigermaßen) kugelförmig. Und Anpeilen von Landmarken funktioniert nur dort, wo ich sie noch sehe. Für eine (genaue) Positionsbestimmung, beispielsweise in der Wüste oder auf See, braucht man etwas anderes.

Und hier kommen Satelliten ins Spiel. Sie umkreisen die Erde und festgelegten Bahnen und haben präzise Uhren an Bord. Wozu das? Die Satelliten senden zwei Signale: Einmal ihre (präzisen) Bahndaten und die (genaue) Uhrzeit.

Ein Empfänger am Boden empfängt einen Satelliten und bekommt die Uhrzeit. Da das Funksignal sehr schnell ist (300.000 Km/s), können wir die Laufzeit des Signals vom Satelliten zu uns vernachlässigen.

Empfängt der Empfänger zwei Satelliten, dann kann er daraus mehr Daten gewinnen. Der Empfänger muss die Bahndaten auswerten und aus der gemessenen Zeitdifferenz der Signale Position berechnen. Empfängt der Empfänger drei oder mehrere Satelliten, so kann auch die Höhe über Normal Null berechnet werden.

Soweit die Theorie. Nun zur Praxis. Kann man solche Empfänger in „klein“ bauen? Ja, kann man. Was früher noch mehrere mannhohe Schaltschränke füllte, ist heute ein winziger Chip, der in jedem (modernen) Handy steckt. Klein genug, um so etwas in einem Personalausweis zu verstecken? Ja, sehr wahrscheinlich.

Aber? Empfang des reinen Signals kostet Strom und das Ausrechnen der Bahndaten und die Ermittlung der genauen Position kostet Rechenleistung, also auch wieder Strom. Nicht ganz so wenig.

Jeder kann man einen Test machen. Handy voll laden und auf dem Tisch liegen lassen und nicht telefonieren. Einmal den Test mit eingeschaltetem GPS und Ortungsdiensten und einmal mit ausgeschaltetem GPS. Der Unterschied in der Laufzeit ist deutlich messbar. Positionsbestimmung braucht also Strom.

Und wie sendet man seine Position zurück?

Natürlich kann man (s)eine bekannte Position mit den genauen Koordinaten senden, damit man gefunden werden kann. Dazu braucht man entsprechende Funktechnik. Und Sendeleistung. Und je weiter das Ortungssignal reichen soll, desto größer muss die Funktechnik und die Sendeleistung sein. Und beides braucht Strom. im Zweifel viel Strom.

Und woher soll der Strom kommen?

Wie oft müssen wir unsere Handy aufladen? Jeden (zweiten) Tag. Und wie lange dauert das? Viele Minuten bis wenige Stunden. Und woher kommt nun bei einem Personalausweis, der eine Gültigkeit von 10 Jahren hat der Strom? Ohne Aufladen?

Aber bei meinem Funkwecker funktioniert das ja auch… Da hält die Batterie auch jahrelang.

Wie groß (und schwer) ist die Batterie bei einem Funkwecker? Ganz schön, verglichen zu Größe und Gewicht eines Personalausweises. Entscheidend ist aber der Unterschied in den Funktionen. Ein Funkwecker hat einen Funkempfänger und eine Quarzuhr. Wird eine Batterie eingelegt, meldet die Quarzuhr, dass die nicht weiß, wie spät es ist. Daraufhin wird der Empfänger eingeschaltet. Er lauscht dann dem Funksignal, bis er Uhrzeit (und Datum) empfangen hat, übergibt die Daten dann der Quarzuhr und wird abgeschaltet, um Strom zu sparen. Ab und zu wird der Empfänger eingeschaltet, um die Uhrzeit der Quarzuhr zu überprüfen und sie nachzustellen. Eine Sendefunktion findet nicht statt. Deswegen kann eine Batterie im Funkwecker jahrelang halten.

Ein Personalausweis hat keine Batterie, keinen Strom, kann kein GPS-Signal empfangen und keinen Standort senden.

Wozu dann der Chip im Personalausweis?

Damit werden Eure Gedanken kontrolliert, wacht bloß nicht auf, ihr Schlafschafe 😉

Viel bessere Möglichkeiten der Ortung…

Was könnte man nehmen, um Menschen wirklich fast immer und überall orten zu können? Was braucht man dazu? Einen eingebauten GPS-Empfänger, so wie in einem Handy. Und eine Möglichkeit, Daten über den eigenen Standort an ein Netz zu senden, so wie beim Handy. Und man müsste dafür sorgen, dass sich die Menschen „nackt“ fühlen, wenn sie das Ortungsgerät nicht dabei haben, so wie beim Handy. Und wegen des relativ hohen Energiebedarfs, müssten die Menschen das Ortungsding dauernd laden, so wie ein Handy.

Hmmm, was könnte man den Menschen nur unterjubeln, damit man sie immer orten könnte? Ich komme einfach nicht drauf… Moment, mein Handy klingelt gerade…

Kommentieren

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

Archiv
  • 2020 (25)
  • 2019 (19)
  • 2018 (48)
  • 2017 (38)
  • 2016 (18)
  • 2015 (21)
  • 2014 (61)
  • 2013 (78)
  • 2012 (91)
  • 2011 (67)
  • 2010 (99)
  • 2009 (105)
  • 2008 (96)
  • 2007 (94)
  • 2006 (83)
  • 2005 (123)
  • 2004 (129)
  • 2003 (30)
Kategorien