Smartmeter und warum sie keine so gute Idee sind

Pünktlich zum Jahreswechsel, meistens ein paar Tage oder Wochen vorher, werden die Zähler für Gas, Wasser und Strom abgelesen. Da kommt dann ein Ablesemensch vorbei, erwischt einen nicht, weil man ja tagsüber arbeiten ist und wirft einem dann einen Zettel in den Briefkasten, auf dem man dann bitte die Zählerstände selbst erfassen und den Wisch dann zurücksenden möge.

Ach, wie praktisch wäre es, passierte das automatisch. Wirklich?

Nun, so praktisch es einem erscheinen mag, wenn sich der Zähler selbst abliest und das Ergebnis nach Hause telefoniert, er ergeben sich durch den Einsatz von sogenannten Smartmeter auch viele Risiken. Welche genau, wollen wir am Beispiel eines intelligenten Stromzählers diskutieren.

Klassische Stromzähler sind funktionierende Low-Tech.
Konstruktionsbedingt zählen sie den Strom, den mein Haushalt verbraucht. Dafür brauchen sie keine extra Energie. Ein Smartmeter ist ein kleiner Computer, der meinen Strom misst. Und ein Smartmeter braucht Strom. Nicht viel, aber er braucht. Und in Zeiten, in denen sich Haushalte wie meiner überlegen, wie und wo sie noch ein paar Watt einsparen können.

Smartmeter erfassen Daten.
Ach! Ich meine nicht die Daten über den gesamten Stromverbrauch eines Jahres. Sie erfassen den Stromverbrauch sehr viel genauer. Theoretisch sollen sie den Verbrauch alle 15 Minuten erfassen und melden. Theoretisch. In der Praxis lässt sich sehr genau erfassen, was der Mensch so macht. Recht schnell lässt sich der Kühlschrank als Stromverbraucher erkennen. Und dann lassen andere Verbraucher Rückschlüsse auf mein Verhalten zu. Läuft die Heizung? Läuft der Fernseher? Misst man genau genug, dann lässt sich sogar das eingestellte Programm erkennen. Möchte ich meinem Stromanbieter mitteilen, welches TV-Programm ich gerade konsumiere?

Smartmeter übermitteln Daten.
Sicher ist, dass man Smartmeter einsetzt, um den Verbrauch zentral auswerten zu können. Der Stromanbieter will genau wissen, wann wieviel Strom verbraucht wird.
Nun, das geht schon heute. Der Stromanbieter weiß ja, wieviel Strom gerade abgenommen wird.
Mit Smartmetern werden Daten pro Kunde in häufigen Abständen an den Stromanbietern übermitteln. Nun sind Stromnetze (damals) dafür konzipiert worden, Strom zu übertragen und nicht mehr. Dass Daten von einer Verbrauchsstelle zurück zum Stromanbieter übertragen werden sollten, war nicht vorgesehen worden.
Nun kann man — moderne Technik macht’s möglich — Daten vom Stromzähler auch wieder zurück zum Anbieter zurück übertragen. Allerdings muss man dazu einigen Aufwand betreiben. Entweder jeder Smartmeter hat ein Mobilfunk-Modul eingebaut und „telefoniert“ die Ergebnisse nach Hause oder die Daten werden als Signale in das allgemeine Stromnetz eingespeist und dann an zentraler Stelle abgegriffen und ausgewertet.
Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Daten über meinen Stromverbrauch nicht in fremde Hände geraten sollten, denn die Details meines Stromverbrauchs geben Dritten sehr genaue Auskünfte, was ich gerade zu Hause mache und ob ich gerade zu Hause bin.
Ich kann mich natürlich darauf verlassen, dass mir der Stromanbieter versichert, dass das System sicher gegen Missbrauch ist. Doch verhaftet im Fall des Falles? Der Stromanbieter wohl kaum.

Smartmeter ermöglichen dynamische und damit intransparente Preismodelle.
Mit „dummen“ Stromzählern ist die Stromrechnung recht einfach: Kunden zahlen einen Fixpreis für den Anschluss samt Stromzähler und dann zahlen sie den Verbrauch. Wer will, kann den Verbrauch quartalsweise, monatlich, wöchentlich oder täglich von seinem Stromzähler ablesen und dann selbst ausrechnen, wie hoch die Stromrechnung wohl ausfallen wird. Haben Kunden nicht einen Preis pro Kilowattstunde „verkauften“ Strom, so gibt es für jeden Tarif (zum Beispiel für verbilligten Nachtspeicherstrom) einen einzelnen Zähler und der Kunde kann durch Ablesen der Zähler seinen Verbrauch und den Preis (der einzelnen Teil-)Rechnung(en) genau abschätzen.
Mit Smartmetern lassen sich sehr dynamische Preismodelle umsetzen: Ist die Nachfrage nach Strom groß, ist der Preis hoch, ist die Nachfrage niedrieg, sinkt auch der Preis. So kann ein Stromanbieter Anreize schaffen, energieintensive Verbraucher nicht gerade zu Spitzenzeiten laufen zu lassen. Das klingt doch erstmal nach einem intelligenten Ansatz, oder?
Nun, wenn der Stromzähler nur noch ein Smartmeter ist und den aktuellen Verbrauch an den Stromanbieter meldet, der aus momentanem Preis und momentanen Verbrauch den Gesamtpreis berechnet, wie kann der Verbraucher sicher sein, dass da keine „Fehler“ zu seinen Lasten passieren?
Den „dummen“ Stromzähler kann der Stromanbieter nicht mal eben von manipulieren, wollen wir uns darauf verlassen, dass dem Stromanbieter keine „Fehler“ passieren oder dass keine bösen Hacker die Daten auf dem Weg vom Smartmeter zum Stromanbieter manipulieren?

Smartmeter ermöglichen zusätzliche Funktionen, auch zu Lasten des Kunden.
Die Welt ist manchmal böse. Es gibt Kunden, die „vergessen“, ihre Stromrechnung zu bezahlen. Oder können nicht bezahlen. Oder wollen nicht bezahlen. Kommt alles vor. Als Ultima Ratio kann der Stromanbieter dann den Stromabstellen. Dazu kommt dann ein Mensch zu uns und klemmt uns dem Strom physisch ab und versiegelt dann den Strom- bzw. Sicherungskasten. Strom gibt es dann erst wieder, wenn sich der Kunde mit dem Stromanbieter geeinigt hat und zahlt. Oder zumindest Ratenzahlung vereinbart. Das ist für alle Beteiligten doof:
Der „Sperrkassierer“, so heißen diese Menschen im Deutsch der Stromanbieter, muss zu Kunden fahren und den Strom abstellen. Das ist Aufwand und erzeugt Kosten. Kosten die der Kunde zu zahlen hat.
Wenn der Strom wieder angeschaltet werden soll, muss wieder der Sperrkassierer anrücken. Wieder Aufwand, wieder Kosten.

Wäre es da nicht schön, könnte das Smartmeter diese Funktionen gleich miterledigen?
Klingt zunächst nach einer tollen Lösung, die Aufwand und Kosten erspart. Und nun stellen wir uns mal vor, dass es bösen Hackern gelingt. gefälschte Abschaltsignale in das Stromnetz einzuspielen und einzelne Kunden vom Netz zu nehmen. Oder gleich ein paar Kunden mehr. Nach wenigen Stunden ohne Strom ist der Inhalt des Tiefkühlschranks unbrauchbar. Wer haftet dann für diesen Schaden? Der Stromanbieter wird jede Schuld von sich weisen, denn er hat ja kein Anschaltsignal gesendet.

So alles in allem bin ich mit meinem alten Stromzähler ganz zufrieden und möchte mich nicht auf das Abenteuer Smartmeter einlassen.
In der Theorie mag das alles ganz toll klingen, aber aus meiner Sicht überwiegen die Nachteile und der mögliche Missbrauch.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
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