Solidarität am Mittagstisch

Neulich beim Mittagessen gab es eine dieser Unterhaltungen, bei denen man viel lernen kann. Über Menschen, was sie denken und, viel wichtiger, was sie nicht denken. Worum ging es?

Irgendwie gelangten wir zum Thema Hartz IV und wie gut nun alles werde. Als Skeptiker glaube ich viele Dinge erst, wenn sie sich bewährt haben. Zwei Gesprächsteilnehmerinnen glauben, Hartz IV sei der ganz große Wurf. Die Standpunkte waren schnell geklärt, die üblichen Argumente schnell ausgetauscht.

Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit.

und

Warum soll ich für andere (faule Nichtsnutze) mitbezahlen?

Okay, denken wir mal laut weiter, was nicht ausgesprochen wurde.

Drehen wir mal den Satz um, dann lautet er:

Wer keine Arbeit findet, der will keine finden.

Ist das wirklich so einfach? Sind Pauschalaussagen geeignet, die Wirklichkeit wiederzugeben? Natürlich gibt es Menschen, die mit Stütze und Schwarzarbeit hervorragend auskommen können und keine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt suchen (müssen). Doch wie viele von den über 4 Millionen Arbeitslosen, die die amtliche Statistik ausweist, sind das?

Natürlich ist es ärgerlich, wenn Schnorrer und Schmarotzer vom System ausgehalten werden. Auch ich habe keine Lust, so jemanden mitzubezahlen. Allerdings weiß ich, daß Systeme selten alle Fälle erwischen, es sei denn, man erhöht den Aufwand fast unendlich.

Wie viele Menschen schröpfen das System? Und muß man, um die wenigen schwarzen Schafe zu erwischen, alle anderen weißen Schafe unter Generalverdacht stellen?

Wer sich nur Einzelfälle ansieht, der wird kein realistisches Bild der Gesamtsituation bekommen. Ein einziger „Florida-Rolf“ ist geeignet, um sich aufzuregen, aber nicht für einen repräsentativen Eindruck. Wie viele „Ausreißer“ gibt es und was kosten sie Staat und Gesellschaft wirklich? Wieviel ist das dann pro Steuerzahler?

Für was soll eine Solidargemeinschaft bezahlen? Und für was nicht? Und warum? Manche Menschen versuchen Solidarität als eine Einbahnstraße zu verstehen und finden es unerhört, wenn auch sie mal für andere bezahlen sollen. Bekommt man selbst Geld, dann ist das immer etwas völlig anderes.

Eine Diskussionsteilnehmerin regte sich darüber auf, daß Bedürftige vom Staat Zuschüsse zur Kleidung bekommen, muß sie alle ihre Rechnungen doch selbst bezahlen. Als Raucherin wird sie früher oder später ernstlich erkranken. Ich wünsche ihr das nicht, aber die medizinische Statistik spricht da eine deutliche Sprache. Dann wird sie das Gesundheitssystem erheblich belasten. Und damit letztendlich uns alle. Die Behandlung von Krebspatienten ist sehr teuer. 1.000 Euro sind da sehr schnell ausgegeben. Nicht im Monat, an einem einzigen Tag.

Da niemand solche Kosten selbst bezahlen kann, wird sie dann von der Solidargemeinschaft unterstützt werden. Von der Gemeinschaft, für die sie jetzt nicht bezahlen wollte. Sollte man ihr dann die Krebstherapie verweigern? Womöglich mit dem Argument, daß man nicht die fast unausweichlichen Folgen ihres Tabakkonsums bezahlen wolle, schließlich steht auf jeder Schachtel eine entsprechende Warnung.

Eine andere Diskussionsteilnehmerin möchte irgendwann Kinder haben. Was kostet eine Geburt im Krankenhaus? Warum sollte letztendlich auch ich das mitbezahlen, geht mich ihr Kind doch nichts an. Und warum sollte ich über meine Steuern einen Platz im Kindergarten oder Schule bezahlen?

Ich habe verstanden, daß eine Solidargemeinschaft eben keine Einbahnstraße ist. Ich wünsche jedem Menschen Gesundheit, bezahle aber auch für seine Krankheiten.

Zur Zeit gehöre ich nicht zu den Beitragszahlern sondern zu den Zahlungsempfängern. Aber ich freue mich darauf, demnächst viel einzuzahlen, so wie es mir einst ein Dozent der Uni gewünscht hatte. Denn wer viel verdient, der kann auch viel in den Topf einzahlen, aus dem er vielleicht später mal selbst gefüttert wird.

11 Kommentare zu „Solidarität am Mittagstisch“

  • German Psycho schrieb:

    Die Sache mit dem Rauchen ist übrigens deutlich komplexer. Noch gibt es keine Statistik, die alle Faktoren des Rauchens zusammenrechnet. Einerseits stimmt es, daß die Erkrankungen durch das Rauchen erwiesen sind. Ebenfalls erwiesen ist aber auch die statistisch deutlich geringere Lebenserwartung, so daß die Rentenzahlungen niedriger werden. Außerdem wird man im Alter sowieso häufiger krank, so daß selbst die Arztrechnungen nicht zwingend höher sein müssen, wenn man bedenkt, daß Raucher ja auch kürzer alt sind. Also ganz so einfach ist es wohl nicht mit der Berechnung…

    Hartz IV: Ich halte insgesamt wenig von dem Konzept, Länderverantwortungen auf Bundesebene zu heben. Das steckt ja letztlich (auch) hinter Hartz IV. Die alte Soziidee vom Zentralisieren.

    Leute, die Sprüche wie "wer Arbeit sucht, findet auch welche" von sich geben, ginge ich übrigens nicht mehr essen… 😉

  • Bsucher schrieb:

    <b>Sind Pauschalaussagen geeignet, die Wirklichkeit wiederzugeben?</b>

    Auch den Kommentar zu dieser Aussage hat Herr Bernhardt gelöscht. Ja, so ist das mit den propagierten Redefreiheiten für andere: Wenn die Kritik zu unangenehm wird, löscht man sie einfach…

  • german psycho schrieb:

    Im Gegensatz zu Ihnen versteckt Herr Bernhard allerdings auch seine Identität nicht. Also mosern Sie nicht rum!

  • Besucher schrieb:

    Regel #1: Wenn man keine inhaltlichen Argumente hat, wird die Form herangezogen.

    BTW: Herr Bernhardt ist einer der größten Pöbler, wenn es um die vermeintliche Beschneidung von Rechten geht. Allerdings ist er auch offenbar einer der ersten, wenn es um das Löschen missliebiger Kommentare geht…

    Und, was Dich betrifft "German Psycho": Deine Identität ist genauso verborgen wie meine. Ein Link auf ein obskures Weblog stiftet nicht Identität…

  • german psycho schrieb:

    Pöbeln Sie ruhig weiter! Es ist unterhaltsam.

  • Steffi schrieb:

    Als eine der beiden Teilnehmerinnen des Mittagessengespräches möchte ich nachträglich ein wenig revidieren.Ich möchte nicht behaupten, Harz vier genau zu kennen. Daher möchte ich auch nicht pauschal zustimmen.
    Jedoch bestärkt mich Dein veröffentlichter Artikel noch mehr in meiner (ganz persönlichen!) Meinung, dass Teile genau die RICHTIGEN treffen.
    Und dass Menschen, die Arbeit wollen, auch welche finden halte ich für wirklich wahr. Es hängt letztlich immer davon ab, welche Ansprüche man hat und wie viel Bereitschaft und persönlichen Einsatz man mitbringt.

    […]

    Übrigens – die Rechnung mit den Kindern haut wohl auch nicht ganz so wirklich hin mein Lieber.
    Du haust Dir mal wieder mit Deinen eigenen Argumenten die Beine weg.
    Du sagst, Du siehst freudig der Möglichkeit entgegen, demnächst wieder in "den großen Topf" einzuzahlen. Für diejenigen aufzukommen, die einmal für Dich aufkommen werden müssen, bist Du allerdings nicht bereit, Leistung zu erbringen. Wer soll Dich denn versorgen, wenn nicht (unter anderem)meine Kinder???

    […]

  • Nik schrieb:

    Liebe Steffi,

    es freut mich, daß Du mal wieder bei mir vorbeischaust. Die persönlichen Zeilen habe ich hier entfernt, für Persönliches bevorzuge ich persönlichere Kommunikationsformen. Ich bitte um Verständnis dafür.

    Pauschale Zustimmung zu Hartz IV erwarte ich auch nicht. Ich sehe nur, daß sich die "Reform" zu einem Monstrum an Bürokratie entwickelt hat. Es ist Mitte Februar und die neuen Arbeitsgemeinschaften (ArGe’s) sind weder einsatzfähig noch in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen. Laufende Kosten fallen trotzdem an.

    Und wir sind uns einig, daß TEILE der Reform die RICHTIGEN treffen. Leider erwischt es auch viele Falsche. Und leider wird die Reform auch hohe Kosten an Bürokratie erzeugen. Das nebenbeinander von Agentur für Arbeit und ArGe führt in der Praxis zu "lustigen" Effekten: Offene Stellen, sofern überhaupt gemeldet, werden wahrscheinlich gehamstert und nicht dem "Konkurrenten" öffentlich gemacht, schließlich will jede Behörde die Erfolge für sich selbst verbuchen. Das erinnert nicht nur mich an einen Sketch, bei dem zwei konkurrierende Rettungsdienste auf dem Weg zum Patienten ein Rennen veranstalteten und es völlig nebensächlich wurde, ob dem Patienten geholfen wurde.

    Selbst die 1-Euro-Jobs, mit denen Menschenmassenhaft in einen Arbeitsmarkt zurückgeholt werden sollten, sind Mangelware.

    Entscheidend ist, daß wieder viel mehr Jobs in Deutschland entstehen und daß wir uns es als Gesellschaft / Staat / Volkswirtschaft nicht länger leisten, immer nur in Richtungs Arbeitsplatzabbau zu denken. Heiner Geißler hat dazu bei "Extra 3" grad ein paar schöne Worte gesagt.

    Kinder sind ein sehr gutes Beispiel für Investitionen. Über viele Jahre kosten sie Geld. Viel Geld. Aber sie sind ein gutes – vielleicht das beste – Beispiel für Investitionen.

    Und ich BIN bereit, Leistungen zu erbringen. Einige Teilnehmer des ersten Kurses haben dafür gesorgt, daß sie nicht den zweiten Teil bekommen. Während ich in der Schule sitze und meinen Kopf rauchen lasse, haben die jetzt Freizeit, gehen der Schwarzarbeit nach oder machen sonstwas.

  • German Psycho schrieb:

    Steffi, Sie haben aber schon bemerkt, daß Herr Bernhard die Beispiele deswegen angeführt hat, WEIL er sie befürwortet, oder?

    Das mit Arbeitsuchenden kann ich auf jeden Fall widerlegen. Ich kenne eine ganze Menge Exkollegen, die – mit Studium, Berufserfahrung, Engagement und Arbeitseifer – ein halbes, dreiviertel Jahr nach jedem Job gelechzt haben, der ihnen angeboten wurde. Und schließlich weit unter ihrer Qualifikation eine Stelle angenommen haben. Es gibt nunmal Zeiten, in denen Jobs schwer zu finden sind.

  • German Psycho schrieb:

    Oh, dann haben Sie bei Ihrer Stellenauswahl ja offensichtlich Alternativen! Glückwunsch!

  • Eamene schrieb:

    Hm, die Luft scheint raus zu sein aus der ewigen Demokratie-Diskussion, gepöbelt wird auch nicht mehr….schade. Du hättest nicht so viele Kommentare löschen sollen.
    Im Übrigen wäre es nett, wenn du mal wieder bloggen würdest, ansonsten müsste ich weiter fremd gehen, nachdem ich festgestellt habe, dass ich mittels einfachem Mausklick auf hochinteressante andere Bloggs gerate, z.b. German Psychos…;)und meine scheinbar langweiligen Nächte nunmehr damit verbringe, auf anderen Bloggs die Beziehungskisten
    voyeuristisch mitzuleiden.
    Also, auf eine neue kreative Phase deinerseits hoffend… Liebe Grüße;)

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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