Tron, Wikipedia und die Katze, die aus dem Sack ist

Seltsame Dinge geschehen diese Tage. Da erläßt ein Gericht eine Verfügung, daß die Weiterleitung des deutschen Ablegers von Wikipedia nicht mehr auf die Mutterdatenbank zeigen darf. Und nun? Nichts. Denn statt www.wikipedia.de gibt man nun de.wikipedia.org ein landet auf der gewohnten Seite des Nachschlagewerkes. Ist das alles? Ja und nein.

Worum geht es eigentlich? „Tron“, so der Künstlername eines vor Jahren verstorbenen Hackers, soll endlich in Ruhe gelassen werden, sein Familienname soll deswegen nicht mehr öffentlich genannt werden, so wünschen sich das die Eltern. Ja, das kann man verstehen. Es ist schlimm genug, wenn Eltern ein Kind verlieren, wenn dann noch die Gerüchteküche wie wild kocht, dann wird der Tod des Sohnes noch schmerzhafter.

Was war geschehen? Die komplette Geschichte ist im Netz nachzulesen, deswegen hier die (hoffentlich richtig wiedergegebene) Kurzfassung: Tron hatte als Diplomarbeit ein abhörsicheres Telefon entwickelt und ist unter mysteriösen Umständen gestorben. „Selbstmord“ war das Ergebnis der offiziellen Untersuchung. „Ermordung durch finstere Mächte“ so wollte es die zur Verschwörungstheorien neigende Hackergemeinde. Die Tatsache, daß keinerlei Beweise für Mord gefunden wurden, diente als Beweis für eben jene Verschwörung. Auch im Umfeld des Chaos Computer Club (CCC) wurde man nicht müde, an der Legende eines ermordeten Helden zu stricken. Ein toter Held läßt sich offenbar besser vermarkten als ein Mensch, der im Sumpf von szenetypischen Verschwörungstheorien und Paranoia untergeht und sich das Leben nimmt. Also kann nicht sein, was nicht sein darf.

Jahre vorher ist ein Hacker verstorben, auch bei seinem Leben und Sterben blieben einige Fragen offen, auch ihm widerfuhr eine fast sagenhafte Verehrung, sein Schicksal wurde sogar verfilmt. Und auch diesmal wurde an jedem Detail rumgedeutet, bis nur noch eine riesige Verschwörung dabei herauskommen konnte. Mit einem banalen Selbstmord konnte und wollte sich niemand abfinden. So wurde seinerzeit die Gerüchteküche angeheizt.

Klar, daß die Köche von einst nicht von ihren Verschwörungstheorien abrücken können oder wollen, manch einer hat sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt und muß wohl heute Angst haben, das Gesicht zu verlieren.

Nun soll also plötzlich der Deckel auf den Topf, dabei ist die Gerüchteküche längst übergekocht. Der volle Name von Tron läßt sich binnen kürzester Zeit in Suchmaschinen im Internet herausfinden. Jeder Versuch, den Namen geheimzuhalten ist lächerlich und zum Scheitern verurteilt. Da hilft es auch nichts, wenn der CCC auf Trons Diplomarbeit den Nachnamen abkürzt.

Auch Versuche der Eltern, bei Wikipedia den Klarnamen entfernen zu lassen, kommen zu spät. Man kann den Sonnenaufgang leugnen, doch irgendwann wird jeder erkennen, daß die Sonne aufgegangen ist. Die Katze ist also aus dem Sack. Jeder, daß heute von Schutz des Namens redet, aber damals öffentlich bekundete, daß man den Selbstmord nicht glauben wolle oder könne, hat dazu beigetragen, Trons richtigen Namen publik zu machen und Tron zur tragischen Person der Zeitgeschichte zu erheben. Wer dann heute den Schutz des Namens fordert, handelt unaufrichtig und muß sich Fragen nach den eigenen Motiven gefallen lassen. Das gilt auch für Trons Vater, der den Namen Tron sogar hat als Warenzeichen eintragen lassen.

Wer wirklich Ruhe für einen Toten will, der prozessiert nicht knappe acht Jahre nach dem Tod eines Menschen für seine Ruhe, sondern läßt ihn ruhen. Irgendwann wird sich die Gerüchteküche abkühlen, wenn endlich aufgehört wird, sie immer und immer wieder anzuheizen. Vielleicht wird Tron dann endlich die Ruhe finden, die er als Mensch verdient hätte.

Es wäre ihn zu wünschen.

Nachtrag: Eben hat das Amtsgericht die einstweilige Verfügung außer Kraft gesetzt. Die Entscheidung in der Sache ist offen.

2 Kommentare zu „Tron, Wikipedia und die Katze, die aus dem Sack ist“

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About Nik

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