Un-Schuldig

Wie gehen wir als Gesellschaft um mit Menschen, die straffällig geworden sind? Na klar, wir bestrafen den Täter. Und wie gehen wir mit Menschen um, die nicht straffällig geworden sind? Die bestrafen wir nicht. Soweit, so gut.

Der Prozeß gegen Andreas Türck beginnt heute. Wer bitte ist das? Genau. Da beginnt das eigentliche Problem. Türck war ein relativ erfolgreicher TV-Moderator bei ProSieben. Vor drei Jahren, im August 2002 soll er eine junge Frau sexuell genötigt oder gar vergewaltigt haben. Das Opfer oder das angebliche Opfer hat die Tat jedoch nicht angezeigt. So ein Verhalten ist bei Opfern von Sexualstraftaten nicht ungewöhnlich, zu groß sind Scham und Ekel und der Gedanke, bei einer späteren Gerichtsverhandlung alles noch einmal haarklein berichten und dadurch erneut durchleben zu müssen, ist auch nicht erfreulich.

Angezeigt wurde die Tat von staatlichern Lauschern, die ein Telefon abhörten, dort berichtete das angebliche Opfer einer Freundin, daß sie vergewaltigt worden sei. Die Lauscher mußten von Amts wegen Anzeige erstatten.

Im Mai 2004, also fast zwei Jahre nach der Tat, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Türck, damit wurde der Vorwurf öffentlich und eine Art Vorverurteilung begann, Türck verlor seinen Job.

Heute, fast ein Jahr nach Anklageerhebung, beginnt der Prozeß. Wie er ausgehen wird ist noch unklar. Ob sich die Ereignisse so zugetragen haben, wie behauptet ist ebenso unklar. Ich weiß es nicht, ich war ja nicht dabei.

Eines aber steht schon heute fest, sein ehemaliger Arbeitgeber hat ihn fallen lassen, der Mann verlor nicht nur seinen Job sondern auch seine Karriere beim Fernsehen. Ob er die vorgeworfene Tat nun begonnen hat oder nicht, ob er schuldig ist oder nicht, vorverurteilt und bestraft wurde er auf jeden Fall.

Mir gibt zu denken, wie einfach es sein kann, einem Menschen Job und Karriere zu nehmen, auch ohne jeden Beweis seiner Schuld. Wie war das noch gleich mit dem Unschuldsprinzip?

3 Kommentare zu „Un-Schuldig“

  • German Psycho schrieb:

    Exakt die gleichen Gedanken gingen mir dabei durch den Kopf. Ob er nun schuldig ist oder nicht – es ist fast nebensächlich geworden. "Wo Rauch ist, da ist auch Feuer" ist eines der schlimmsten Sprichworte der deutschen Sprache. Ich könnte Herrn Raab des Kindesmißbrauches verklagen. Mich als Zeugen und mein Patenkind als Opfer. Daß er nicht einmal in der Nähe von ihr war, wäre unwichtig. Er verlöre seinen Job.

    Hmm… ich mag Raab nicht… 😉

  • Uwe schrieb:

    Seit wann gibt es in den Medien die Schuldfrage.
    Es gibt gar keine Frage nach irgendwass, nur Opfer.
    Egal ob schuldig oder nicht. Geopfert werde sie immer.
    Einer höheren Auflage oder einer groesseren Anzahl an Zuschauern / Gaffern.

    Und die die Idee mit dem Raab. Irgendwie Wert drueber nachzudenken. 😉

  • German Psycho schrieb:

    Und wenn ich dann wieder was von "Täterschutz vor Opferschutz" lese, kotz ich! Allein schon das Wort "Täterschutz". Als ob jeder, der vor Gericht steht, per se schon der Täter sein müßte…

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About Nik

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