Unheimliche Begegnung

Der Raum ist dunkel. Die einzige Lichtquelle ist eine Kerze, ihr Flackern läßt die Schatten an der Wand entlang tanzen. In der Luft der Geruch von Räucherstäbchen. Im Hintergrund sanfte Musik, deren Richtung ich weder einschätzen noch zuordnen kann. Ist auch nicht wichtig. Ich liege auf einem mit Tüchern verhangenen Sofa und warte. Warte darauf, daß sie den Raum betritt. Ich warte geduldig. Ich will sie nicht bedrängen, will ihr alle Entscheidungen überlassen. Sie wird kommen oder nicht. Sie wird reden oder nicht. Sie wird sagen, wo die Grenze ist, worüber sie reden wird und worüber nicht.

Irgendwann betritt sie den Raum, wirft mir ein kurzes Hallo zu. Sie sitzt so, daß ich sie nicht sehen kann. Es ist ihr wichtig. Sie kann mich sehen, aber ich sie nicht. Das war eine ihrer Bedingungen. Sie will nicht, daß ich ihr in die Augen sehen kann. Das ist okay für mich.

„Du hast bestimmt schon einiges über mich gehört“ fängt sie das Gespräch an. Ja, habe ich. Trotzdem bin ich neugierig, nein, nicht neugierig, ich bin interessiert, die Geschichte von ihr selbst zu hören.

Sie fängt an zu erzählen. Von der kaputten Familie, dem Vater, den sie nie kennengelernt hat, der Mutter, die sich zu Tode gesoffen hat. Aus ihrem Mund klingt das nicht wie die üblichen Klischees, es klingt schmerzlich authentisch. Und dann berichtet sie, daß sie ausgerissen sei. Und dann kamen die falschen Leute. Leute, die ihre Situation erkannten und ausnutzten. Sie war jung, gerade 13. Genau das richtige Alter fanden die Männer, die auf Frauen stehen, die noch lange keine Frauen sind. Das ganze ist weit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich will mir das nicht vorstellen. Ich kann es auch nicht. Ich habe von solchen Fällen gelesen, gehört, aber nun erfahre ich es aus erster Hand.

Ich höre schweigend zu. Erfahre, wie das Geschäft abgewickelt wird. Daß man in entsprechenden Lokalen Mädchen bestellen kann. Und dann wird einem die Ware präsentiert. Der Kunde wählt dann aus, welches Stück Fleisch er haben will und wie jung oder alt es sein soll. Sie hat schnell gelernt, die Wünsche der Männer zu erraten und zu erfüllen. Ich frage sie nicht, ich höre zu. Sie redet und redet. Ich spüre, daß es ihr guttut, daß sie darüber reden kann.

Ich achte nicht nur auf das, was sie sagt. Ich achte auch auf Wortwahl und Stimme. Der freche Klang in ihrer Stimme fällt mir auf. Wieviel davon ist echt, wieviel davon ist einstudiert? Ob sie die Wirkung kennt, die ihre Stimme auf Männer haben kann? Ich vermute es. Sie klingt wie eine Bekannte von mir, nur ein wenig frecher. Meine Bekannte ist längst erwachsen. Mit sechzehn Jahren schon so eine Stimme? Und so freche Sprüche? Wer so bellt, sollte auch Beißen können. Oder alt genug sein, um gebissen zu werden. Sie ist davon noch weit entfernt. Auch wenn sie weder so aussieht noch sich so anhört, sie ist fast noch ein Kind. Und doch schon so erwachsen.

Sie erzählt von den Drogen. Sie verflucht das Zeug. Aber ohne hat sie es nicht ausgehalten. Wer von Drogen betäubt ist, empfindet weder Ekel noch Abscheu. Wer abhängig ist, der kann nicht weglaufen. Wenn der Körper Nachschub braucht, kehrt man zurück und erträgt das, was andere Menschen mit einem machen.

Irgendwann hat sie gespürt, daß sie raus muß. Doch wie? Wem kann man vertrauen? Mit wem kann man die eigene Flucht vorbereiten? Und wohin will man fliehen? Ohne Geld, ohne Papiere? Wer hilft einem, wenn der Entzug einsetzt? Und was macht der Zuhälter? (Sie nannte ihn nicht so.) Kein Zuhälter wird zusehen, daß seine Einnahmequelle versiegt und vor Polizei oder Gericht gegen ihn aussagen wird. Wer wird sie beschützen? Eine Frau wollte aussteigen. Mit ihr zusammen ist sie abgehauen.

Und dann kam der lange Weg zurück in ein normales Leben. Entzug und Krankenhaus. Behörden-Marathon. Das Jugendamt bezahlt ein Wohnprojekt. Sie geht wieder zur Schule. Sie hat viel versäumt, da sie lange nicht zur Schule gehen konnte. Sie ist gut in der Schule, macht demnächst ihren Schulabschluß. Dann will sie Abitur machen. Und studieren. Ich höre zu. Und freue mich für sie. Diese Baustelle hat sie im Griff.

Anderes ist nicht so einfach zu bewältigen wie versäumte Schulbildung. Sie ist sehr scheu. Ihr Verhältnis zu Menschen ist schwierig, besonders das Verhältnis zu Männern. Sie braucht Abstand, um sich im Gespräch öffnen zu können. Ich bewundere ihre Offenheit mir gegenüber und verstehe, daß sie nicht angesehen werden will. Es ist noch ein langer Weg zurück in die emotionale Normalität. Sie wird es schaffen, das spüre ich.

Die Kerze flackert und erlischt. Der Raum ist ganz dunkel. Sie steht auf. Bevor sie den Raum verlassen wird sagt sie, daß ihr unser Gespräch gefallen hat. Das freut mich. Ich weiß, daß sie noch einen langen Weg vor sich hat. Wenn ich ihr helfen kann, will ich das gerne tun. Auch wenn mir schmerzlich bewußt wird, daß ich nicht mehr tun kann, als zuzuhören, wenn sie reden möchte. Aber wenn sie reden möchte, dann bin ich da.

(Dieses Gespräch fand vor ein paar Tagen im Begegnungsraum des Wohnprojektes statt. In irgendeiner norddeutschen Kleinstadt.)

1 Kommentar zu „Unheimliche Begegnung“

  • Sherry schrieb:

    Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit, wie mir scheint. Und ich bin nach diesem Beitrag davon überzeugt, dass sie sich und ihr Leben meistern wird. Nicht nur solala durchstehen wird, sondern meistern und eines Tages wieder lächeln wird.nnDas Beste, das ich je von Dir gelesen habe. Damit meine ich nicht einmal den Inhalt (denn er ist nicht von Dir), sondern den Schreibstil.nn

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
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