Unheimliche Begegnung — Teil 2

Ich hatte ihr versprochen, daß ich zuhöre, wenn sie mir etwas erzählen möchte. Sie hat noch viel zu erzählen. Also fahre ich wieder zu ihr. Diesmal verfahre ich mich nicht und finde ich den Weg auf Anhieb. Ich durchlaufe die vorgeschriebene Prozedur, die alle Besucher über sich ergehen lassen müssen, die Anmeldung wird überprüft, ich werde in das Besucherbuch eingetragen und muß meinen Ausweis abgeben. Beim letzten Besuch war das genauso, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Merkwürdig.

Ich werde wieder in den Besucherraum gebeten, setze mich auf das Sofa. Die Kerze wird entzündet, dann bin ich alleine im Raum und das Licht geht aus. Sie betritt den Raum, bedankt sich für meinen Besuch. Dabei müßte ich mich bei ihr für ihr erneutes Vertrauen bedanken.

Sie setzt sich, fragt mich, wie es mir ginge. Ich überlege meine Antwort. Unser Gespräch war eine absolute Ausnahmesituation, die mich tief bewegt hat. Ihr fiel unser Gespräch leichter. Für sie ist es die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Wenn ich ihr helfen kann, indem ich ihr zuhöre, dann will ich das gerne tun.

Sie beginnt. Ihre Situation ist mir fremd und wird es immer bleiben, zu unterschiedlich sind die Erfahrungen, die wir machten. Sie möchte mir einen Eindruck vermitteln, wie sie sich in jener Zeit fühlte. Hatte sie bei unserem ersten Gespräch den Schwerpunkt eher auf die äußere Handlung, also das, was ihr physisch angetan wurde, gelegt, möchte sie nun erzählen, was in ihrem Inneren vorging. Das Thema ist schwierig, keine Frage.

Sie berichtet über ihr Verhältnis zu ihrem Zuhälter. Sie nennt ihn nicht so, sie verwendet immer einen anderen Ausdruck. Er war alles, was sie hatte. Er hatte es geschafft, ihr Freund, Vater, Geliebter und einzige wirkliche Bezugsperson zu sein. Ich versuche zu verstehen, es gelingt mir aber nicht. Sie zeichnet ein Bild der raffinierten Konstruktion, mit der er sie in seiner Abhängigkeit gehalten hat. Sie und die anderen Mädchen. Wer tat, was erwartet wurde, bekam Streicheleinheiten für Körper und Seele.

Einmal hat sie überlegt, ihren Zuhälter umzubringen. Sie war nachts in die Küche geschlichen, hatte dort ein Messer gefunden und ist in das Schlafzimmer des Zuhälters gegangen. Dann stand sie vor seinem Bett, das Messer in der Hand. Sie zögerte, hat nicht zugestochen. Er wachte auf. Die Situation ließ wenig Spielraum für Interpretationen. Sie schilderte dann auch die Strafe, die sie bekommen hatte. Es gab keine Prügel, es gab Entzug der wenigen Freiheiten, die sie hatte. Sie durfte die Arbeitswohnung nicht mehr verlassen, nachts wurde die Küche abgeschlossen. Doch am schlimmsten sei gewesen, daß er ihr seine Aufmerksamkeit entzogen hatte, sie mit Mißachtung strafte. Diese psychische Bestrafung sei schlimmer als körperliche.

Ich frage nach, wie alt sie damals war. Sie war schon 14, also schon strafmündig. Ich bin kein Jurist, weiß nicht, ob das noch Notwehr wäre oder ob mal für solche Tat jahrelang ins Gefängnis käme. Viel wichtiger als eine strafrechtliche Würdigung erscheint mir, daß sie ihr Gewissen nicht mit der Tötung eines Menschen belastet hat.

Vorsichtig frage ich nach, wie sie das heute empfindet. Sie ist hin- und hergerissen. Sie hat sich diese Frage viele Male gestellt. Sie ringt mit sich, ist dann aber am Ende doch froh, daß sie es nicht getan hat.

Ich höre ein leichtes Klappern von Geschirr, sie fragt mich, ob ich auch einen Tee möchte. Ehe ich antworten kann, daß ich keinen Tee mag, hatte sie sich vorgebeugt und mir eine Tasse Tee hingestellt. Einen kurzen Moment lang kann ich sie im Licht der Kerze sehen. Sie wirft mir einen flüchtigen Blick zu. Mir ist das fast peinlich. Sie lächelt. Es ist ein scheues, unsicheres Lächeln. Mir fällt auf, wie dünn sie ist. Ihr Körper wirkt zart, zerbrechlich. Als ob ihr Körper die Zerbrechlichkeit ihrer Seele nach außen sichtbar machen wollte.

Schweigend trinken wir den Tee. Ich lasse ihre Worte auf mich wirken, sehe dabei gedankenverloren in den dunklen Raum. Ich weiß, daß sie mich ansieht.

Dann steht sie auf, sagt, daß es für heute wohl genug sei. Ich sehe zu ihr, kann sie in der Dunkelheit gerade noch erkennen. Sie lächelt und wirft mir ein „Mach’s gut und bis demnächst irgendwann“ zu.

Ich melde mich wieder ab, bekomme meinen Ausweis zurück, wissend, daß ich mich nie an diese Prozedur gewöhnen werde.

(Dieses Gespräch fand vor ein paar Tagen im Begegnungsraum des Wohnprojektes statt. In irgendeiner norddeutschen Kleinstadt.)

2 Kommentare zu „Unheimliche Begegnung — Teil 2“

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
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