Vom Reiten toter Pferde

Wir alle kennen den schönen Vergleich vom Reiten toter Pferde und was man dann tun sollte oder könnte. Meistens beginnt er so:

 Eine uralte Weisheit der Dakota-Indianer besagt: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“

Dann kommen (mehr oder weniger lange Listen mit Dingen, die wir modernen und aufgeklärten Menschen stattdessen tun. Ich habe im Netz hier und hier schöne Beispiele dafür gefunden. Offenbar fällt es uns manchmal schwer, das Naheliegende zu tun. Warum eigentlich? Und wieso komme ich gerade darauf?

Mich bat jemand um Rat. Ihre Beziehung wurde gerade beendet. Nicht auf die Art, die sie sich gewünscht hatte. Und — natürlich — für sie zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Und ehe ich mich versah, wurde ich mit Informationen und Details zugeschüttet und mit Fragen bombardiert. Nun ja…

Schon ein wenig emotionaler Abstand reichte mir, um zu erkennen, daß die Dame ein „totes Pferd“ reitet und es nun an der Zeit war, abzusteigen und sich neu zu orientieren. Nachdem man vom toten Pferd abgestiegen ist, kann man den Weg des Lebens ja auch mal ein paar Schritte zu Fuß gehen. Und dabei sehen, ob es ein neues Pferd gibt, daß einen tragen möchte. Oder eine Kutsche besteigen. Wollte sie aber nicht. Nein, sie wollte ihn zurück und tat auch eine Menge, von dem sie glaubte, das vermeintliche Ziel zu erreichen.

In so einer Situation kann man als Außenstehender wenig machen, um das eigentliche Problem zu lösen. Allerdings kann man Empfehlungen geben. Ich empfahl ihr, Dynamik und Dramatik aus der Sache zu nehmen. Die Situation erstmal abkühlen zu lassen, sich und dem Anderen (mehr als nur etwas) Zeit Ruhe zu gönnen. Und Dinge nicht überzubewerten. Bekanntlich haben die meisten Dinge genau die Bedeutung, die man ihnen zugesteht. Wenn sich jemand, besonders nach einer emotional stark belastenden Beziehung, einfach mal wieder mit anderen Leuten treffen will, dann will er sich vielleicht einfach nur mal wieder mit normalen Leuten treffen und nicht immer Beziehungsarbeit an der Backe haben.

Offenbar gelang es mir nicht, mit meinen Empfehlungen zu ihr durchzudringen. Bereits am nächsten Tag tauchte sie ‚zufällig‘ bei ihm auf und tat auch sonst eine Menge, um den emotionalen Druck aufrechtzuerhalten.  Natürlich ist das kein Weg, die Liebe eines Menschen zurückzugewinnen, klar.

Warum klammern wir uns an Dinge, die unwiederbringlich verloren sind? An Beziehungen die längst gescheitert sind? Warum haben wir solche Angst, loszulassen und darauf zu vertrauen, daß sich eine neue Lösung ergeben wird?

Ist es die Angst, ‚ohne‘ dazustehen? Natürlich haben manche Menschen (zum teil enorme) Verlustängste. Werden die Verlustängste so dermaßen groß, daß sie die eigene Beziehung zerstören, dann haben wir genau das, was man die selbsterfüllende Prophezeiung nennt. Aus der Angst, verlassen zu werden, klammere ich so fest an meinem Partner, daß er mich verlassen wird. Bingo!

Ja, es ist immer schwierig, sich seinen Ängsten zu stellen. Und noch viel schwieriger, das eigene Verhalten zu reflektieren, die eigenen Fehler zu analysieren und dann (systematisch) abzustellen. (Viel) einfacher ist es, wenn einem Menschen andere Wege zeigen. Aber dazu muß man bereit sein.

Ein langer und nicht immer einfacher Weg. Aber auf einem toten Pferd reitend, wird man nie an sein Ziel kommen.

Kommentieren

About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erklärt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

Archiv
  • 2020 (25)
  • 2019 (19)
  • 2018 (48)
  • 2017 (38)
  • 2016 (18)
  • 2015 (21)
  • 2014 (61)
  • 2013 (78)
  • 2012 (91)
  • 2011 (67)
  • 2010 (99)
  • 2009 (105)
  • 2008 (96)
  • 2007 (94)
  • 2006 (83)
  • 2005 (123)
  • 2004 (129)
  • 2003 (30)
Kategorien