Vox Populi, Vox Bovi

„Vox Populi, Vox Bovi“, oder auf Deutsch „Die Stimme des Volkes ist die Stimme eines Ochsen“.

Wie verträgt sich das nun mit Demokratie, also der Herrschaftsform, bei der das Volk selbst bestimmt, was es will? Machen wir uns mal ein paar Gedanken und sehen wir uns ein paar Beispiele von (mehr oder weniger) schlauen Sprüchen an und auch, wozu sie dann führten.

Unsere Verfassung sieht eben keine direkte Demokratie vor, Parteien sollen der politischen Willensbildung des Volkes dienen. Und dann wählen wir in (freien und geheimen) Wahlen Abgeordnete auf den Ebenen Kommune, Kreis, Bundesland und Bund. Und diese entscheiden dann für uns. Nach besten Wissen und Gewissen. Und manchmal auch nach dem, was die Partei als (grobe) Linie vorgibt. Gefällt uns die Linie einer Partei nicht (mehr), dann können wir bei der nächsten Wahl eine andere Wahl treffen. So weit, so bekannt, so gut.

Fragt man aber den einzelnen Bürger, sieht die Welt deutlich anders aus. Je nach (politischer oder medialer) Lage oder Tagesstimmung, sprechen Menschen sehr schnell und sehr deutlich Dinge aus, über die sie nicht immer in aller Sorgfalt nachgedacht hatten. Hier ein paar Beispiele:

Wir sind das Volk…

Nun, wer das (auf einer Demonstration) skandiert, fühlt sich vielleicht wie das Volk. Er ist aber nicht das gesamte Volk. Und spricht auch nicht für das ganze Volk. Denn viele Menschen haben von eben jener Demo, auf der das gerade gerufen wird, nichts mitbekommen, teilen die Meinung, die im Namen des vermeintlich ganzen Volkes ausgesprochen wird, nicht. Manche haben keine Meinung, manche haben eine andere Meinung, manchen ist es auch egal.

Todesstrafe für Kinderschänder, Vergewaltiger oder andere Straftäter…

Kaum wird eine Tat bekannt, fordern einige Menschen die Todesstrafe, wollen den oder die (vermeintlichen) Täter am liebsten am nächsten Baum hängen sehen. Ermittlungen, ob sich das Ganze wirklich so abgespielt hat, wie es das (vermeintliche) Opfer darstellt? Wozu? Mit kühlem Kopf durch unabhängige Gerichte abwägen lassen? Wozu? Rechtsstaat, das Recht auf einen fairen Prozess, einen vorher genau festgelegten Instanzenweg? Braucht doch kein Mensch. Und schon haben wir den schlimmsten Unrechtsstaat.

Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr…

Auch so ein Beispiel, bei dem Menschen Dinge nicht verstanden hatten und sich nicht über die Konsequenzen klar waren. 1990, die DDR hatte sich geöffnet, grundlegende politische Reformen standen an, eine (irgendwie geartete) Wiedervereinigung lag in der Luft. Reisefreiheit machte es möglich, dass DDR-Bürger sich mal ansehen konnten, wie es im Westen so aussah. Und auch, was es da alles zu kaufen gab. Das weckte so manche Begierlichkeit. Plötzlich wollten viele DDR-Bürger auch „Westgeld“. Verständlich. Dass „Arbeiten wie bei Erich Honecker, Verdienen wie bei Helmut Kohl“ nicht funktionieren wird, dass marode DDR-Betriebe, sobald sie die Schutzzone des gemeinsamen sozialistischen Wirtschaftsraumes verlassen und auf einem Weltmarkt mitspielen wollen, keinerlei Chance haben würden, geschenkt. Wollte niemand hören. Und so kam es auf den Druck der Straße zu einer Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Und viele DDR-Betriebe mussten Löhne und Gehälter in D-Mark auszahlen. Dass man dazu seine Produkte und Dienstleistungen vorher auch (auf dem Weltmarkt) in D-Mark verkaufen muss… Oh, wieso hat das dem dummen Volk vorher niemand gesagt? Oh, es gab warnende Stimmen? Die dümmsten Kälber suchen sich ihre Schlächter selber. Und so kam es. Im Gebiet der damaligen DDR gibt es keine (ernstzunehmende) Großindustrie mehr. Die Treuhand konnte versuchen, was sie wollte, praktisch nichts war konkurrenzfähig genug, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können. Hätte das Volk besser geschwiegen.

Refugees Welcome!

2015 kamen viele Menschen nach Deutschland, darunter Flüchtlinge und „Flüchtlinge“. Ob mit Pass oder ohne. Und Deutschland, so in der kollektiven Wahrnehmung, wollte sie alle willkommen heißen. Nun, so ehrenwert der Ansatz auch ist, Menschen, die vor (Bürger-)Krieg fliehen mussten, vorübergehend Schutz und Hilfe zu gewähren, so klar muss dem nüchtern denkenden Menschen die Signalwirkung solcher Aussagen sein. Auf einmal wollten viele Menschen nicht irgendwo Schutz vor Krieg und Asyl vor Verfolgung bekommen. Sie wollten es hierzulande. Aus der Sicht dieser Menschen verständlich. Was es bedeutet, wenn viele Menschen nicht irgendwo in der EU Schutz suchen sondern in Deutschland, hatte vorher keiner nachgedacht oder nachdenken wollen. Dass jeder Mensch, der herkommt, Anspruch auf menschenwürdige Unterbringung und Verpflegung hat, wurde ausgeblendet. Wenn ‚mal eben‘ 500.000 Menschen nach Deutschland kommen, dann wollen die untergebracht werden. Es wird also Wohnraum gebraucht. Ja, man kann Menschen in kasernenartigen Einrichtungen unterbringen. Allerdings führt das zu gewissen Problemen, wenn unterschiedliche Kulturen, Religionen, Ethnien und Nationalitäten zusammentreffen. Und so passiert es ja auch. Oh, hätte uns das nur vorher jemand gesagt… Und die Bereitschaft, Fremde aufzunehmen, nimmt meistens in genau dem Moment ab, wenn die eigenen Kinder in der Schulklasse kaum noch anständigen Unterricht bekommen (können), wenn die eigene Tochter von jungen entwurzelten Menschen aus der Fremde (sexuell) belästigt wird. Dass Menschen, woher sie auch immer kommen, eigene Sitten, Gebräuche, Angewohnheiten und Verständnis von Kultur und Gesetz mitbringen, ist nachvollziehbar. Dass sich nicht jeder Mensch an eine neue Heimat (so man sie denn als solche anerkennen möchte) an die dortigen Regeln gewöhnen möchte, passiert eben. Und dann kommt es zu gewissen Reibungsverlusten. Manche arabische Großfamilie sieht die hiesigen Gesetze bestenfalls als unverbindliche Empfehlung an und handeln entsprechend. Man hat ja seine eigenen Gesetze aus der alten Heimat mitgebracht. Und was dort funktionierte, das kann hier nicht falsch sein.

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About Nik

heißt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
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