Weihnachten und Kinderaugen

„Weihnachten ist das Fest der Liebe“, sagen die einen. „Unsinn, Weihnachten ist eine Erfindung des Einzelhandels“, entgegnen die anderen. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Oder liegt in den Augen von kleinen Kindern, die noch an den Weihnachtsmann glauben. Die Bescherungsberaterin bat mich als echten Nikolaus, für den kleinen Sohn einer Freundin den Weihnachtsmann zu machen.

Bekanntlich bin ich für fast jeden Spaß zu haben und sagte zu. Am nachmittag des Heiligen Abends bekam ich mein Kostüm und einen dermaßen großen Berg von Geschenken, daß sie nicht alle in den Sack paßten und ein Teil von ihnen vor der Wohnungstür deponiert werden mußte.

Am frühen Abend wurde dann aus dem Nikolaus der Weihnachtsmann. Das ausgeliehene Kostüm war viel zu weit – an der Hose. Seit wann hat der Weihnachtsmann einen dicken Hintern? Dafür konnte auf ein Kissen zum Ausstopfen der Jacke verzichtet werden.

Ohne Brille und mit falschem Bart war ich dermaßen unkenntlich, daß sogar die Katze, die sich sonst ausgiebig von mir flauschen läßt, bei meinem neuen Anblick fluchtartig das Weite suchte. Also die perfekte Voraussetzung, um nicht enttarnt zu werden. Manchmal sind kleine Menschen verdammt clever und ihnen fällt auf, daß der Weihnachtsmann die gleichen Handschuhe wie Papa trägt…

Mit dem Sack voller Geschenke schwer beladen, wankte ich die Treppe rauf und klingelte. Der Junge rannte zur Tür, öffnete, sah mich, erschrak und rief laut nach seiner Mama, während er mich ungläubig staunend ansah. „Oh, schau doch mal, Julian, der Weihnachtsmann ist da.“

Mit großen Augen sah mich der Kleine an. Ich konnte sein „Den Weihnachtsmann gibt es ja wirklich“ förmlich hören, auch wenn es ihm nur durch den Kopf ging. Nach etwas Zureden seiner Mutter, sagte er dann brav sein Gedicht auf und griff in den Sack mit den Geschenken. Als er begriff, daß alle Geschenke im Sack für ihn waren, wurden seine Augen größer und immer größer, fast so groß wie der Berg mit Schachteln und Kartons, den der arme, alte Weihnachtsmann gerade die Treppe hinaufbuckeln mußte.

Froh und erleichtert verzog sich der Weihnachtsmann, der Junge hatte mich nicht erkannt und der Sack war leer. Selten habe ich in so glückliche Kinderaugen gesehen, wie in diesem Moment. Es stimmt schon, die besten Zeiten im Leben sind vorbei, wenn man nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben kann.

2 Kommentare zu „Weihnachten und Kinderaugen“

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About Nik

hei├čt eigentlich Nikolaus Bernhardt und ist Baujahr 1965
wohnt in der Hauptstadt des Marzipans
ist eine Mischung IT-Mensch und BWLer
hat noch ein paar (verborgene?) Talente mehr
erkl├Ąrt gerne komplizierte Dinge
mag gute Werbung

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